15. Mai 2011

Ronald Henss: Die grasgrünen Haare
eBook-Tipp
Ronald Henss
Die grasgrünen Haare
Amazon Kindle Edition
ASIN: B0050CPRX8
0,99 Euro
Eine schräge Geschichte für alle, die Haare haben oder auch keine – egal ob blond, braun, schwaz, rot … oder grasgrün.
So fängt die Geschichte an:
Der Wecker klingelte wie immer Punkt 6:30. Elfriede Wohlfahrt war ein wenig verwundert, wurde sie doch gewöhnlich ein paar Minuten vor dem Wecker wach. Etwas langsamer als sonst richtete sie sich auf, setzte sich auf die Bettkante, steckte ihre Füße in die Pantoffeln und rieb ihre Augen, die heute ein wenig müder waren als sonst. Dann stellte sie sich wie jeden Morgen kurz auf, raffte das lange Baumwollnachthemd zusammen, zog es nach oben über den Po und ließ sich auf die Bettkante zurückplumpsen. Dann zog sie das Nachthemd über den Kopf, faltete es sorgfältig zusammen und legte es neben sich auf die Bettdecke. Wie jeden Morgen schaute sie an sich herunter. Ihr mächtiger Busen versperrte den Blick, so dass von ihrem üppigen Körper nur noch die Knie sichtbar waren. Sie fühlte sich wohl mit ihren ausgeprägten weiblichen Rundungen.
Wie jeden Morgen packte sie mit beiden Händen lustvoll ihre schweren Brüste. Ja, ihr voller Busen war immer noch fest und straff. Nach einer kurzen Weile des sinnlichen Genusses ergriff sie den auf dem Schränkchen bereitliegenden frischen BH. Elegant glitten ihre Arme in die Träger, sie presste die Körbchen eng an ihre Brüste, griff nach hinten und knipste den Verschluss zu. Dann schloss sie kurz die Augen, bog ihren Rücken durch, richtete genussvoll ihren Oberkörper auf, legte den Kopf in den Nacken und seufzte leise.
Bedächtig stand sie auf und reckte sich. Dann streifte sie ihre weiße Baumwollunterhose ab. Bevor sie die bereitliegende, ebenfalls weiße frische Baumwollunterhose ergriff, packte sie mit beiden Händen ihre Pobacken. Ja, auch die waren immer noch fest. Fest und üppig wie ihre Brüste. Sie schlüpfte in die frische Baumwollunterhose, zog sie nach oben, fuhr mit beiden Daumen unter den Gummi, zog ihn ein wenig nach vorn, drehte in einer raschen Bewegung die Daumen nach außen und ließ den Gummi genussvoll auf ihre Speckröllchen schnellen. Ja, sie war mit sich und ihrem Körper zufrieden. Einhundertsechsundsiebzig Pfund dralle Weiblichkeit bei einhundertvierundsechzig Zentimetern Körpergröße …
… die vollständige Geschichte von Elfriede Wohlfahrt kann man
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Verfasst von Ronald
31. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Harlem Blues
© Joe Colata
Die Sonne schien. Der Himmel war stahlblau. Es versprach ein guter Tag zu werden für die Ladenbesitzer in der 135. Straße. Genau auf der Ecke der 7th Avenue befand sich das Geschäft von François Brunault, eines Franzosen, von dem kein Mensch sich erklären konnte, wieso dieser kleine dicke Mann ausgerechnet in New York einen Friseursalon betrieb, noch dazu in einer der gefährlichsten Gegenden der Stadt. Aber alle hatten sich an ihn gewöhnt, auch daran, was auf dem Schild über der Tür in grellen Neonlettern geschrieben stand: COIFFEUR DE PARIS.
Brunault betrat sein Geschäft wie immer kurz vor Acht, auch wenn um diese Zeit gewöhnlich noch keine Kundschaft kam. Aber er liebte es, zu dieser frühen Stunde allein in seinem Laden herumzuwirtschaften, obwohl es nicht wirklich etwas zu tun gab. Denn alles war penibel geputzt und sämtliche Utensilien lagen fein säuberlich sortiert an ihrem Platz.
Heute zitterten seine Hände ein wenig, was für einen Friseur natürlich nicht unbedingt von Vorteil war. Aber Brunault war fest entschlossen: Er würde mit dem Rauchen aufhören, ein für allemal. Denn er hatte in den letzten Monaten eine Veränderung an sich wahrgenommen. Erst schleichend, dann jedoch immer deutlicher: Er war zum ersten Mal in seinem Leben richtig verliebt.
Vor einigen Monaten hatte er Martha kennen gelernt. Nicht, dass Martha eine Schönheit gewesen wäre. Sie war sogar noch kleiner als er, dabei außerordentlich beleibt, und hatte wohl noch nicht einmal in ihrer Jugend attraktiv ausgesehen. Aber das war ihm egal. Denn sie konnte kochen wie eine Göttin. Das fand zumindest Brunault. Stundenlang stand sie in der Küche und zauberte die köstlichsten Gerichte. Und jeden Sonntag machte sie ihm sein Lieblingsessen Coque au vin – Hähnchen in Rotweinsauce. Und darauf konnte und wollte er in seinem Leben einfach nicht mehr verzichten.
Brunault hatte zwei große Leidenschaften: Rauchen und gutes Essen. Leider hasste Martha den Geruch von verbranntem Tabak und jetzt hatte sie ihn vor die Wahl gestellt, entweder mit dem Rauchen Schluss zu machen oder ohne sie zu leben. Und Brunault hatte sich entschieden. So sehr unglücklich war er auch gar nicht über seinen Entschluss, denn in letzter Zeit hatte er mit einem hartnäckigen Husten zu kämpfen gehabt. Und außerdem waren die Gesetze in New York neuerdings so absurd geworden, dass er streng genommen noch nicht einmal mehr in seinem eigenen Geschäft rauchen durfte – zumindest nicht während der Öffnungszeiten.
Kurz nachdem Brunault seinen Laden aufgeschlossen hatte, betraten zwei Weiße den Salon. Es war wirklich ungewöhnlich, dass um diese Zeit schon jemand kam, noch dazu Weiße. Die beiden trugen Anzüge, die ihre besten Tage schon hinter sich hatten. Die Ärmel waren abgewetzt und es fehlten einige Knöpfe, wie Brunault auf den ersten Blick feststellte. Der eine war sehr hager mit eingefallenem Gesicht, das von Narben zerfurcht war. Der andere hatte eine ziemliche Wampe und schwitzte fortwährend, so dass ein stechender Körpergeruch von ihm ausging, der Brunaults empfindliche Nase aufs Höchste beleidigte. Und das, wo er doch so stolz darauf war, dass es in seinem Laden immer so angenehm und dezent nach gutem Rasierwasser roch. Und nicht nach diesem billigen Zeug, das man für 99 Cent in jedem Supermarkt bekommen konnte.
Die beiden verlangten jeder nach einer Rasur. Dies kam häufig vor, denn viele Leute aus der Gegend hatten in ihren Wohnungen weder Strom noch fließend Wasser. Aber diese Typen waren nicht von hier, dessen war sich Brunault sicher.
Nachdem die beiden sich geeinigt hatten, wer zuerst bedient werden sollte, machte Brunault sich ans Werk. Und jetzt, da er sich auf seine Arbeit konzentrieren musste, hatte auch das Zittern seiner Hände aufgehört. Er legte dem Dicken einen Umhang um und begann damit, ihn einzuseifen.
In diesem Moment betraten zwei weitere Männer den Laden. Ihre Gesichter waren tiefschwarz, die Augen blitzten böse. Aber so finster sie auch dreinblickten, ihre Erscheinung war im Gegensatz zu den Weißen äußerst gepflegt und die Designer-Anzüge, die sie trugen, hatte Brunault schon häufiger in den Schaufenstern der Kaufhäuser bewundert, die die 5th Avenue säumten.
Die Schwarzen schrien Brunault sofort an, er solle das Päckchen aus Frankreich herausrücken. Dabei fuchtelten sie wild mit den Schusswaffen herum, die sie in den Händen hatten und hielten erst erstaunt inne, als sie die Weißen entdeckten.
Brunault hatte keinen blassen Schimmer, was hier vor sich ging.
…
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Verfasst von Ronald
31. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Ein sauberer Schnitt
© Milon Gupta
Manchmal können ganz alltägliche Vorgänge schicksalhafte Konsequenzen haben.
Wie an jenem Freitagabend.
Nach drei Wochen ohne Haarschnitt hielt ich es für notwendig, das wuchernde Gestrüpp auf meinem Kopf bändigen zu lassen. Es begann schon zu dämmern, als ich den Innenhof am Rand des Stadtzentrums betrat. Zwischen dunklen Hauseingängen eines tristen Wohnblocks lag matt erleuchtet der Frisiersalon Schmitt. Ich öffnete die knarrende Holztür und trat ein. Frau Schmitt, eine füllige Frau Ende 50, schnitt gerade einer älteren Kundin mit hagerem Gesicht die schlohweißen Haare. Herr Schmitt stand hinter der historischen Anker-Registrierkasse.
Er war Anfang 60, hatte volles graues Haar, einen Bierbauch und trug einen dunkelblauen Friseurkittel, in dessen Taschen Scheren und Haarclips hingen. Der ganze Laden vermittelte den Eindruck, man sei per Zeitmaschine in den 1950ern gelandet. Dieser nostalgische Charme war es wohl, der mich seit zwei Jahren regelmäßig dorthin zog. Wilhelm und Hertha Schmitt führten den Laden seit vier Jahrzehnten und waren inzwischen im Rentenalter. Ans Aufhören dachten sie aber zu meiner Freude noch lange nicht. Die trendigen Hairstylisten in ihren durchgestylten Haarstudios mit ihrer geölten Freundlichkeit mussten also noch etwas länger auf meinen Besuch warten. Diese poppigen Figaros mit ihrem künstlerischen Getue waren mir ein Gräuel.
Da zog ich doch die unverblümte Art von Friseurmeister Wilhelm Schmitt vor, der mich ohne Begrüßung fragte: „Na, wie hätten Sie’s denn heute gern, Herr Rousseau?“
„So wie immer. Sie wissen ja, wir Polizisten mögen es kurz.“
„Wird gemacht, Herr Kommissar. Nehmen Sie Platz.“
Damit war unser Gespräch vorerst beendet. Nachdem ich mich auf den Frisierstuhl mit dem abgesessenen Lederbezug gesetzt hatte, legte Schmitt mir einen geblümten Plastikumhang um die Schultern und begann wortlos zu kämmen und schneiden. Selbst wenn einer von uns beiden das Bedürfnis gehabt hätte zu sprechen, wäre das angesichts des ebenso lautstarken wie pausenlosen Redeschwalls der weißhaarigen Kundin eine anstrengende Stimmübung geworden.
„Ich weiß nicht, was ich machen soll, Frau Schmitt, mein Neffe Edgar kriegt sein Leben einfach nicht in den Griff. Dabei ist er so ein talentierter Architekt, aber schon seit über einem Jahr arbeitslos. Ständig bettelt er mich an, ihm Geld zu leihen. Gestern war er bei mir und heute hat er auch schon wieder angerufen, dass er mal eben vorbeikommen will. Als ob das Geld auf Bäumen wachsen würde. Er tut so, als ob ihm das zustünde. Können Sie sich das vorstellen?“
„Nein, Frau Kosewitz“, antwortete die pausbackige Frau Schmitt pflichtschuldig, während sie die weißen Haarspitzen von Frau Kosewitz schnitt.
„Und dann die Mieter. Ständig wollen sie irgendwas von mir: die Miete stunden, die Heizung reparieren, die Wasserleitungen erneuern. Können Sie sich das vorstellen?“
„Nein, Frau Kosewitz“, antwortete Frau Schmitt wieder mit gleichmütigem Gesichtsausdruck.
„Ich habe schon mehrmals überlegt, aus dem Wohnblock auszuziehen, doch ich hänge zu sehr daran. Diese Mieter können einem den Spaß am Immobilienbesitz wirklich gründlich verleiden. Sie und Ihren Mann meine ich natürlich nicht, Frau Schmitt. Aber die anderen denken anscheinend, ich müsse als Vermieterin alle ihre extravaganten Wünsche erfüllen. Können Sie sich das vorstellen?“
Schmitt und ich warfen uns nur vielsagende Blicke zu. Diese Frau mit ihrer durchdringenden Stimme konnte einem wirklich den letzten Nerv rauben. Während sich meine dunkelbraune Haarpracht unter den kräftigen, aber geschickten Händen des Friseurmeisters zu einer ordentlichen Frisur entwickelte, wünschte ich mir, dass Frau Kosewitz endlich Ruhe geben würde. Mein Wunsch ging nicht in Erfüllung – zumindest nicht an diesem Tag.
Als ich Frau Kosewitz am folgenden Montagmorgen wiedersah, war sie außergewöhnlich still. Das war nicht weiter erstaunlich, schließlich lag sie mit durchgeschnittener Kehle und aufgerissenen, graublauen Augen auf dem Perserteppich in ihrer Wohnung. Die polnische Putzfrau namens Martha Lukowski hatte sie gefunden und die Polizei alarmiert. Jetzt beobachtete ich, wie meine Kollegen von der Spurensicherung routiniert ihre Arbeit taten, und überlegte, während ich mich umschaute, wer die Hausbesitzerin Ruth Kosewitz für immer zum Schweigen gebracht hatte. Die Wohnung war vollgestopft mit teuren Teppichen und noch wertvolleren Vasen. Der Wandsafe stand offen und war leer. Ein heller Abdruck zeigte, dass er vorher offenbar von einem Bild verdeckt war.
Lena Bach, meine Mitarbeiterin bei der Mordkommission, kam herein und sagte: „Es gibt keine Spuren eines Einbruchs. Der Täter muss durch die Haustür gekommen sein. Entweder hatte er einen Schlüssel oder das Opfer hat dem Täter die Tür selbst geöffnet.“
„Das bringt uns nicht viel weiter“, erwiderte ich während ich durch das Fenster auf den Innenhof zum Frisiersalon Schmitt schaute, „Frau Kosewitz war Hausbesitzerin und Vermieterin. Jedem Handwerker oder Mieter, den sie kannte, hätte sie die Wohnungstür geöffnet haben können. Komm, lass uns mit der Befragung der Nachbarn weitermachen.“
…
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Verfasst von Ronald
28. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Beim Piffri
© Ronald Henss
Ehrlich gesagt, ich bin nie gerne zum Friseur gegangen. Auch schon lange vor der Zeit, als ich endlich selbst bestimmen konnte und beschloss, überhaupt nicht mehr zum Friseur zu gehen.
Jetzt, wo ich darüber nachdenke, wird mir klar, dass Erinnerungen an den Friseur zu meinen ältesten Erinnerungen gehören. Wie weit sie genau zurück reichen, weiß ich nicht. Aber einige Vorstellungsbilder stammen sicherlich noch aus der Zeit bevor ich zur Schule ging. Das war in den frühen fünfziger Jahren.
Unser Frisör hieß Pfeifer, Philipp Pfeifer. Aber bei uns hieß er nur „de Peifer Filp“ oder „de Piffri“. Der Frisörladen war nicht weit von zu Hause entfernt, höchstens zweihundert Meter.
Zuerst musste man ein paar Treppenstufen hoch gehen, vielleicht sechs oder sieben. Links ging es in das Tante-Emma-Lädchen, in dem wir häufig einkauften. Als ich noch klein war, war die Theke riesig hoch; und die großen bauchigen Gläser mit den bunten Bonbons waren unerreichbar. In den Frisörladen ging es rechts.
Der Frisörladen war eigentlich nur ein kleines Zimmer. Aber auf ein Kind musste allein schon die eigentümliche Einrichtung einen tiefen Eindruck machen.
An der breiten Wandseite riesengroße Spiegel. Nach unten wurden sie abgeschlossen durch einen Wandtisch, in den zwei Becken eingearbeitet waren. Der mächtige Wandtisch war aus Holz; ob die Becken aus Marmor, aus Porzellan oder aus Metall waren, kann ich heute nicht mehr sagen.
Vor der imposanten Armatur zwei Stühle für Erwachsene. In der kindhaften Erinnerung erscheinen sie riesengroß und schwer. Ob sie tatsächlich gepolstert waren? Vielleicht waren es aber auch nur einfache Holzstühle? Ich weiß es nicht mehr.
Der Kinderstuhl war aus braunem Holz. Vier hohe schlanke Stelzen gingen vom Boden bis zum oberen Rand, wo sie an der hufeisenförmigen Lehne abschlossen. Knapp über dem Boden wurden die Stelzen durch Querhölzer zusammengehalten.
Auf dem Wandtisch und in verschiedenen Vitrinen tausenderlei Utensilien. Natürlich allerlei Scheren, Kämme und Bürsten. Verschiedene Tuben und Tübchen. Fläschlein mit Duftwässerchen, Parfüms. Eine Flasche aus dickem, goldbraunem Glas mit dünnen Querrillen. Unvergessen der Werbespruch „Es ist nie zu früh und selten zu spät für Diplona.“ Haarwässerchen und Haarwuchsmittel waren damals natürlich kein Thema für mich. Übrigens auch später nicht, als sich meine Haarpracht ziemlich rasch dünne machte. Eine besondere Faszination ging von dem Zerstäuber aus. Ein bauchiges Fläschlein, oben eine Metalldüse und daran ein rotbrauner Gummischlauch, der in einem dicken Gummiballon endete. Kurzes Drücken auf den Ballon – „pffff, pffff, pffff….“ – und feinste Tröpfchen verteilten sich über das Haar und verströmten einen charakteristischen Duft.
Überhaupt war der ganze Raum durch einen charakteristischen Duft markiert. Ich würde ihn vermutlich heute sofort wiedererkennen; aber merkwürdigerweise kann ich ihn nicht beschreiben. Ich habe daran keine konkrete sinnliche Erinnerung. Ganz anders verhält es sich mit einer anderen Geruchserinnerung, die vermutlich meine allerälteste Erinnerung ist. Die hat aber nichts mit dem Friseur zu tun; und so werde ich darüber an anderer Stelle berichten.
Wir bleiben beim Piffri. In einem Herrensalon durften natürlich die folgenden Utensilien nicht fehlen: Rasierschaum, Rasierpinsel, eine Gummischale, in der der Schaum angerührt wurde, Rasiermesser und ein Lederriemen zum Schärfen der Klinge. Gelegentlich ließ sich einer der älteren Männer – alt erschienen damals alle Erwachsenen – rasieren. In der schwarzen Gummischale wurde der Schaum geschlagen. Dann der Bart kräftig eingeseift. Das Rasiermesser mit ein paar schnellen Strichen am Lederriemen geschärft; ritsch ratsch, ritsch ratsch, ritsch ratsch. Und dann vorsichtig, Strich um Strich die glatte nackte Haut freigelegt. Vermutlich floss auch ab und an Blut. Aber mich betraf das nicht.
Mein Platz war auf dem Kindersitz. Vor dem Haareschneiden wurde der Umhang aus Stoff um den Hals gebunden. Schlichter weißer Stoff. Die ersten Grobarbeiten mit Schere und Kamm. Dann der mechanische Haarschneider. Wenn der Piffri die Zangengriffe in der Faust zusammendrückte, machte es leise „quack, quack, quack“ und die hellblonden Haarbüschel fielen lautlos zu Boden. Zum Feinschliff benutzte er eine elektrische Haarschneidemaschine. Leises stetiges Summen, nicht bedrohlich. Gelegentlich kam auch das Rasiermesser zum Einsatz; „ritsch, ritsch, ritsch“. Schließlich der buschige Pinsel, mit dem er die feinen Härchen aus dem Nacken bürstete. Aber ein paar blieben immer im Kragen hängen, manche noch stundenlang.
Die frühen sechziger Jahre, für mich die Phase der Vorpubertät, waren die Goldene Ära des Haarsprays. Mit der Taft-Dose von Wella rückten nicht nur die Frauen den Haaren zu Leibe. Damals war noch keine Rede von Treibgasen, Ozonloch, Umweltschutz. Wir haben uns das Zeug bedenkenlos auf den Kopf gesprüht. Die Haare fühlten sich dann ganz unnatürlich an. Wie kleingehäckseltes Stroh. Aber dafür hätte die Schmalztolle à la Elvis auch einem mittleren Wirbelsturm standgehalten. In meinem Flur hängt heute eine Mini-Galerie alter Fotos. Ein kleines Schwarz-Weiß-Bild, das nun schnurstracks auf die Vierzig zugeht, zeigt mich im Konfirmandenanzug. Den Kopf ziert auf der linken Seite ein akkurat gezogener Scheitel, das Haupthaar ist zu einer atemberaubenden Welle hochgedrückt, selbstverständlich mit Haarspray gefestigt. In diesem Aufzug war ich noch der ganze Stolz meiner Mutter. Aber das sollte sich bald ändern.
Die Pubertät, ohnehin eine Zeit der Auflehnung und Revolte, fiel bei mir in eine Epoche tiefgreifender kultureller und politischer Umwälzungen, die ihren augenfälligen Ausdruck in radikalen Veränderungen der Haartracht fanden. Der Kampf der Generationen – das heißt: der Kampf zwischen meiner Mutter und mir – lief zum größten Teil über die Auseinandersetzung ums Haar. Den Auftakt zur nächsten Runde des Generationenkampfes bildete gewöhnlich der Spruch: „Wie laafschden du schunn widder rum? Du sieschd jo aus wien Biedels [dass der Singular von Beatles Beatle heißt, spielte dabei keine Rolle]. Mach, dass de mol widder zum Friseer kummschd!“ Die unausweichliche Folge waren endlose Debatten, erbitterter Streit, nicht selten Tränen und wochenlanges Schweigen. Wenn ich mich dann schließlich doch beim Piffri blicken ließ, hieß es „Rund odder Fassong?“ Ehrlich gesagt, wusste ich damals weder was Fassong bedeutet, noch wie man es schreibt. „Rund“ klang viel zu gewöhnlich, also lautete die Antwort in der Regel „Fassong“. Zum Abschluss der Prozedur nahm der Piffri den großen Handspiegel und beschrieb damit einen Halbkreis hinter meinem Kopf, so dass ich im Frontspiegel die „Fassong“ bewundern konnte. Es kam aber keine Bewunderung auf. Ganz im Gegenteil: Ich kam mir immer elend vor. Schlimmer als nackt. Auf dem Rückweg habe ich die Schritte beschleunigt, um so rasch wie möglich nach Hause zu kommen. Vor Scham hielt ich den Kopf gesenkt, so manches Mal den Tränen nahe. Bloß nicht gesehen werden.
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Verfasst von Ronald
28. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Lester Pike
© V. Groß
Seit über zwanzig Jahren betrieb Lester Pike seinen kleinen Frisörladen in der 48. Straße des dritten Außenbezirks der Stadt, und er liebte seine Arbeit, war einfach zufrieden mit dem, was er tat. Sein Leben glich einem ruhigen, ordentlichen Strom, der breit und immerwährend seinen ihm vorgezeichneten Weg verfolgte. So gesehen, gab es auf diesem Weg weder Wasserfälle noch Stromschnellen; vom schmalen Ursprung ausgehend bis zur ultimativen Verbreiterung und Auflösung des Stroms in der anonymen Unermesslichkeit des Meeres verlief alles schlicht normal.
Seit zwanzig Jahren betraten Lester Pikes Kunden den Laden, und erzeugten dabei ein rasselndes Klingelgeräusch. Lester war auf dieses Geräusch konditioniert wie ein Pavlow’scher Hund in seiner Box. Die Routine seines alltäglichen Lebens bestand primär aus der Umsorgung seiner Kunden, also der Pflege ihrer Haare und manchmal ihrer Seelen, dem morgendlichen Aufschließen des Ladens, sowie dem allabendlichen Ritus der Reinigung von Geschäft und Handwerkszeug. Außerhalb dieses endlosen, monotonen Reigens an immergleichen Handgriffen hatte er nichts vorzuweisen, was man eventuell als ein Leben unabhängig von seinem Beruf hätte erkennen können. Zwar sah er sich des Öfteren vor dem Schlafengehen einen Film im Fernsehen an, oder las ein Buch, und erlaubte sich dann auch einmal für einige Augenblicke die Vorstellung davon, wie es wohl wäre, haarsträubende, phantastische Abenteuer zu erleben, ein Held zu sein, etwas Besonderes, Außergewöhnliches mit seinem Leben anzufangen. Aber das war auch schon alles. Jeder hatte schließlich seine kleinen Schwächen, und letztlich spielte es ja auch keine besondere Rolle: Er tat seine Arbeit und stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Lester war nicht wenig stolz auf diesen absoluten Ausdruck ereignisloser Normalität, den sein Leben in seinen Augen darstellte.
Am Morgen des 15. Tages des zehnten Monats sah Lester, wie immer, unmittelbar nach dem Aufstehen auf seinen Wandkalender und bemerkte ein wenig überrascht, dass er Geburtstag hatte. Diese Tatsache jedoch, so nahm er sich vor, sollte ihn in keinster Weise dazu veranlassen, auch nur eine Sekunde eine Abänderung seines alltäglichen Tagesablaufs in Kauf zu nehmen. Also zog er sich an, frühstückte und verließ kurz darauf seine Wohnung, um ein Stockwerk tiefer im Erdgeschoss seinen Laden zu betreten. Er schaltete das Licht an, und nach kurzem, unschlüssigem Flackern traten mit einem leise klickenden Geräusch auch die lang gestreckten Neonröhren des Geschäftsraumes ihren Dienst an. Lester blieb für einen Moment im Eingang stehen und warf einen Rundblick durch den Laden. Früher, in seiner Zeit als junger Mann, war es ihm hin und wieder passiert, dass er des Abends die eine oder andere Kleinigkeit vergessen hatte beim Ordnen der Gegenstände des Raumes. Aber, er hatte inzwischen alle Nachlässigkeiten abgestellt; und so betrachtete er an diesem Morgen voll innerer Befriedigung den sauber gereinigten und aufgeräumten Geschäftsraum. Er schloss die Hintertür, die hinaus ins Treppenhaus führte, und durch die er den Laden jeden Morgen betrat. Mit einem metallisch-dumpfen Geräusch fiel sie ins Schloss. Die ursprüngliche Holztür hatte er vor einigen Jahren durch eine modernere Metalltür ersetzen lassen. Damals hatte es eine Häufung an Einbrüchen in dieser Gegend gegeben und er hatte auf Nummer Sicher gehen wollen. Nicht, dass er etwa besonders ängstlich gewesen wäre, aber, so sagte er sich, man weiß ja nie, und sicher ist eben sicher. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, zog er den samtroten Vorhang vor, der den Hinterausgang für seine Kunden unsichtbar werden ließ. Jetzt begab er sich zur Vorderfront des Ladens und zog die Jalousien der beiden Schaufenster sowie der zwischen ihnen gelegenen Eingangstür nach oben. Ein Blick auf die große Uhr über der Ladentheke beruhigte ihn in einer plötzlich aufkommenden Sorge darüber, er könne womöglich zu spät dran sein. Aber es war 6.55 Uhr, alles verlief normal, planmäßig, so wie immer. Um 7.00 Uhr würde er den Laden öffnen, und die letzten fünf Minuten nutzte er, wie stets, dazu, einen allerletzten Rundgang zu unternehmen, um sich noch einmal davon zu überzeugen, dass auch wirklich alles in Ordnung war. Links vom Eingang des Ladens befanden sich die beiden Frisörsessel, prachtvolle, mit braunem Leder bezogene Drehsessel, bei weitem die teuersten Einrichtungsgegenstände des Geschäfts. Wie immer trat er an seinen Arbeitsplatz und prüfte zum einen den Boden um die Sessel auf eventuelle Haarreste, zum anderen das lang gezogene Wandbord mit den eingelassenen Emaille-Waschbecken ebenfalls auf Haarreste oder geringfügige Spuren von Haargel, Rasierseife oder Haarwaschmittel. Alles war sauber. Am linken und rechten Ende des Bords sah er sein Handwerkszeug säuberlich und nach einer festen Regel nebeneinander aufgereiht. Die verschiedenen Scheren, die Rasiermesser und -pinsel, die Kämme und Bürsten. Ein Föhn steckte jeweils links und rechts an der Seite des Bords. Irgendwie empfand er den Anblick der beiden Geräte stets als etwas Verwegenes, sie erinnerten ihn an zwei Colts in den Taschen eines Halfters. Wie schon so oft machte ihn dieser Gedanke verlegen und er kicherte leise in sich hinein. Was geschehe wohl, wenn er einen solch unseriösen und bizarren, ja tatsächlich verwegenen Gedanken einmal gegenüber einem Kunden äußern würde? Sofort nahm er sich wieder zusammen. Er hatte schließlich keine Zeit zu verlieren. Die Instrumente waren alle in Ordnung, das Bord glänzte vor Sauberkeit. Alles war in Ordnung. Bevor er sich abwendete sah er noch einmal in einen der beiden großen Spiegel, die vor den Sesseln angebracht waren. Er war wohl der einzige Frisör der Stadt, der seine Arbeit in Hemd und Krawatte erledigte, schwarz auf weiß, immer adrett, aber, so fand Lester, das musste eben sein, und er glaubte, dass viele seiner alten Stammkunden eben dies besonders an ihm schätzten. Dunkle Schuhe, dunkle Hose alten Stils, weißes Hemd und schwarze Krawatte, so kannte man Lester Pike, und so kannte Lester Pike sich selbst.
…
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Verfasst von Ronald
28. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Engelshaar
© Melina Marinos
Was passiert, wenn Engel am 24. Dezember vom Himmel fallen, um den Weihnachtsmännern bei ihrer Arbeit zu helfen?
Sie plumpsen unsanft auf die Erde, bekommen einen blauen Po und gehen zum Friseur.
Warum sie zum Friseur gehen? Ob sie nicht sowieso immer wunderschöne blonde Locken besitzen?
Nein. Engel haben keine blonden Locken. Nicht im Himmel. Engel haben lange hellblaue Haare. Sonst würde man sie doch sehen, wenn man zum Himmel hochsieht! Doch sobald sie den Erdboden berühren, gehen sie sofort zum Friseur, denn auf der Erde müssen Engel blonde Locken haben.
Engel Nummer drei fiel gerade vom Himmel. Wir werden sie (Engel sind meist weiblich – bis auf ein paar wenige Ausnahmen) beobachten, um zu sehen, wie das so ist mit den blonden Locken.
Es ist ein einsames Plätzchen im Wald. Eine kleine Lichtung, durch die vereinzelte Sonnenstrahlen fallen. Engel Nummer drei, ihr Spitzname ist übrigens Engelia, reibt sich gerade ihren Po und putzt den Schnee von ihrem hellblauen Kleid.
Woher ich weiß, dass sie gerade vom Himmel gefallen ist?
Ich hab da so meine Informationen.
Durch mein Fernrohr kann ich sehen, wie sich Engelia suchend umsieht. Bäume weit und breit. Keine Straße in Sicht. Auch keine Tiere, die sie nach dem Weg fragen könnte.
Engelia sieht fragend zum Himmel hoch. Gleich darauf treibt sie ein starker Schneesturm in den Wald hinein. Engelia kann nichts sehen. Sie schmeckt kalten Schnee auf ihrer Zunge. Es fühlt sich anders an als auf den Wolken, die sie sonst im Himmel sanft tragen.
Irgendwann hört der Schneesturm auf. Engelia öffnet wieder ihre Augen und erblickt ein Häuschen vor sich. Endlich, denkt sie, und öffnet die Tür. Warm ist es hier drinnen aber nicht sehr, bemerkt sie. Und es stinkt fürchterlich.
Aber was soll’s. Schnell eine Engelsfrisur machen lassen und dann holt mich auch schon Alfred, Weihnachtsmann Nummer fünf, ab.
Sie setzt sich auf einen Schemel, der hier herumsteht, und wartet.
Oh, nein! Es ist ein Melkschemel! Wo ist sie denn hier bloß gelandet? Ich hätte euch lieber Engel Nummer sieben zeigen sollen. Sie ist genau auf das Dach eines weihnachtlich geschmückten Kaufhauses gefallen. Unauffälliger hätte es zur Weihnachtszeit gar nicht gehen können.
Doch was macht Engelia?! Sie merkt nicht einmal, dass sie sich in einem Kuhstall befindet!
„Muhhh“, macht es und Engelia springt auf.
„Was… Wo bin ich hier?“
„Muhhh, in einem Stall, muhhh.“
Engelia flüchtet erschrocken aus dem Stall. Wie finde ich hier bloß einen Friseursalon, denkt sie verzweifelt, und läuft wieder in den Wald hinein.
Orientierungslos und frierend kommt sie zu einem Futterplatz, an dem sich ein paar Rehe tummeln.
„Frag schon!“, pfeift der Wind durch die kahlen Äste.
Das erste Reh sieht ganz nett aus, denkt sie, und nähert sich ihm vorsichtig.
„Entschuldigung.“
Das Reh sieht sie aus großen braunen Augen an.
„Wo finde ich hier einen Friseursalon?“
Engelia wusste gar nicht, dass Rehe sooo große Augen haben.
„Menschen“, versucht sie es anders, „Wo finde ich hier Menschen? Menschen, die Haare färben und schneiden?“
Das Reh deutet stumm in eine Richtung.
Erleichtert bedankt sich Engelia und folgt der angegebenen Richtung.
Schließlich gelangt sie wieder zu einem kleinen Häuschen. Daneben befindet sich wieder ein Stall, doch diesmal weiß sie, dass sie richtig ist. Neben dem Haus steht ein Auto. Und sie kann Stimmen hören.
Plötzlich geht die Haustür auf und eine Frau kommt heraus. Als sie Engelia sieht, bleibt sie abrupt stehen. „Wo kommst du denn her, Mädchen? Ist dir denn nicht kalt in dem Kleid?“
„Ich brauche dringend eine neue Frisur“, erklärt sie der Frau und hofft, dass sie nicht erkennt, dass sie ein Engel ist.
„Wo wohnst du denn? Ich muss sowieso in die Stadt fahren, um meinen bestellten Festtagsbraten abzuholen. Ich kann dich gleich mitnehmen und nach Hause bringen. Deine Eltern werden sich sicher furchtbare Sorgen machen.“ Sie mustert Engelia von oben bis unten. „Was hast du gesagt? Du brauchst eine neue Frisur?“, fragt sie ungläubig.
…
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28. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Nina im Frisörsalon
© Doris Ramler
Nina wird morgen vier Jahre alt und sie ist ganz aufgeregt. Heute darf sie zum Frisör gehen. Mit Mama. Das erste Mal wie eine erwachsene Dame.
Nina reckt und streckt sich im Bett. Mama war eben da. Sie sagte: „Nina, komm steh auf! Es ist bald so weit.“
Also macht Nina Gähnübungen, verrenkt sich und streckt sich voll aus. Dann springt sie aus dem Bett und läuft zum WC. Mama hilft ihr bei der Morgentoilette.
„Mami, Mami!“, ruft sie aufgeregt, „Wann gehn wir endlich weg?“
Katharina sieht ihre Tochter an und lächelt. Dann antwortet sie: „Na, nicht so schnell! Erst frühstücken wir noch gemeinsam. Papa ist schon in der Arbeit und deine großen Geschwister sind in der Schule.“
Aufgeregt isst Nina ihr Frühstück, muss aber auf Mama warten, und murrt in Gedanken: „Immer diese Erwachsenen brauchen so lange.“
Endlich ist es so weit. Mama hilft, nachdem sie fertig ist, auch Nina beim Anziehen.
Dann steigen sie ins Auto und fahren in die Stadt rein. Aufgeregt steigt Nina von einem Fuß auf den anderen als sie ins Geschäft gehen. Die Frisörinnen sind ganz nett. Sie fragen Nina, was für eine Frisur sie haben will; und Nina holt Rat bei der Mama.
Danach darf Nina in einen Extra-Kindersessel und bekommt Kakao und einen lustigen Kuchenclownkopf dazu. Mama bekommt einen Kaffee und einen Kuchen.
Nach der Jause kommt eine nette Frisörin und wäscht Nina den Kopf in einem kleinen Kinderwaschbecken, das hinten einen kleinen Clownkopf dran hat. Das Haarwaschmittel duftet so toll.
Danach wird das Haar mit einem lustigen Handtuch getrocknet. Nina ist nicht total glücklich. Na ja, Haare waschen ist nicht so ihres. Aber weil Mutti sie so ernst anschaut, unterdrückt sie den lauten Protest und mault nur leise vor sich hin.
Nina schaut interessiert zu, beobachtet, wie die Haare fallen. Aber schon ist die Frisörin fertig, und als sie ihr die schöne luftige Frisur zeigt, beruhigt sich das Kind wieder. Es ist Sommer, und Nina freut sich ja darauf, endlich kurzes Haar zu haben.
„Jetzt bin ich dann aber eine große Dame.“
Die Frisörin muss herzhaft lachen und Mama auch. Dann sagen beide fast gleichzeitig: „Klar!“
„Nun noch föhnen“, sagt die nette Frisörin und lächelt Nina zu.
Aber auch dem lustigen Clownföhn kann Nina nichts abgewinnen. Nun reichts ihr bald. Dabei hatte sie sich so gefreut.
Aber dann sind sie fertig; und als Nina einen kleinen Stoffclown zum Andenken an ihren ersten Besuch im Frisörsalon bekommt, lächelt sie wieder glücklich.
Als Mama gezahlt hat, lächelt Nina die nette Frisörin nochmals an, schaut sie an und sagt: „Danke, Tante. Und danke für den Clown. Nun bin ich erwachsen, komm erst viel später wieder.“ Dann winkt sie noch mal, nimmt die Hand von Mama und geht raus.
Am nächsten Tag erzählt sie ihren Freunden, wie toll es beim Frisör gewesen war. Sie verschweigt aber, dass sie einiges gar nicht so toll gefunden hat …
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Verfasst von Ronald
25. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Haircuts
© Monfou
Meine Damen und Herren, möchte ich rufen, was sind schon die Sonette eines Shakespeare, die Arien eines Puccini, die Farben eines Chagall gegen eine gut frisierte Dame auf den Champs-Élysées? Ich sage: So wenig wie ein Bild langweilen darf, darf eine Frisur langweilen. So wenig wie ein Dramaturg sich billiger Effekte bedienen sollte, sollte ein Friseur sich mit Standards begnügen.
Cut one
Mit Sorgfalt lege ich Professor Halibars Haar nach links und rechts und gebe ihm einen Scheitel, der Entschiedenheit verrät. Jeder, der sehen kann, versteht: Professor Halibar teilt die Welt in Wissen und Nichtwissen. Mit dem Anflug eines Lächelns, das man träumerisch nennen könnte, fixiert er die perfekte Scheitellinie im Spiegel. Auf die Frage, was er mit solcher Befriedigung betrachtet, wäre er wahrscheinlich nicht in der Lage zu antworten: Meinen akkurat gezogenen Scheitel. Mein bestes Gel kommt allerdings nicht gegen den halibarschen Geruch an, den er aus Bibliotheken in alten Gemäuern mitzubringen scheint.
„Können Sie nicht wenigstens über den Ohren noch viereinhalb Zentimeter wegschneiden?“, fragt Professor Halibar und seufzt, denn er weiß, dass solche laienhaften Anwandlungen bei mir kein Gehör finden.
„Aber Herr Professor“, sage ich – längst ist unser Für und Wider zu einem kleinen Ritual geworden –, „wir dürfen die Naturgesetze nicht aus falsch verstandener Ordnungsliebe missachten. Lassen Sie Ihr Haar über die Ohren fallen, denn es ist wie mit dem Wissen, das keine Grenzen kennt.“
„Mein Lieber“, antwortet der Professor, „entstellen Sie mich meinetwegen mit Kamm und Schere, aber lassen Sie die Finger von der Wissenschaft.“
„Voilà!“, sage ich und ziehe mit Schwung den Umhang von seinen Schultern, eine Geste, deren Eleganz den Friseur von Welt verrät. Professor Halibar sieht in der Tat großartig aus. Denn zum präzisen Scheitel, der den halibarschen Kosmos teilt, hängt ihm das Haar beiderseits in fingerlangen Strähnen herab, so dass man ihn für einen genialischen Forschergeist halten könnte.
Kaum ist Professor Halibar mit einem letzten Seufzer hinaus – wie sollte ein Gelehrter je über seine Frisur glücklich sein? –, höre ich die Stimme Mira Poupoulos.
Cut two
„Ich bin verliebt“, singt Frau Poupoulo mit ihrem schönen griechischen Akzent. Seit Jahren besucht sie vor jedem Rendezvous meinen Salon – man könnte auch sagen: sie tritt in Erscheinung –, strahlt mich an und nimmt so temperamentvoll Platz, dass die Stuhllehne gefährlich nachfedert. Mira Poupoulo ist, zugegeben, kein Leichtgewicht. Ihre Liebhaber sind zweifellos all der magersüchtigen Models überdrüssig und ganz wild darauf, einmal mehr als Rippen zu zählen. Mira Poupoulo kann jedenfalls all das bieten, was einer schlanken Illustriertenschönheit fehlt. Ihr Haar entspricht ihrer Leiblichkeit: Es ist schwarz, dicht und fein gelockt. Den Partien, die schon ins Graue changieren, gebe ich jenes Schwarz zurück, das man von Tintenkäfern kennt. Energisch kämme ich die ganze Haarpracht auf eine Seite, so dass ein Ausdruck gebändigter Leidenschaft entsteht. Aus dem unendlichen Fundus der Haarmittel verabreiche ich ihr eines der wertvollsten, das leicht nach Orangenblüten und Sandelholz duftet.
„Wenn ich Sie nicht hätte“, ruft Mira Poupoulo, während ich ihr das Ergebnis meiner Kunst im Handspiegel vorführe.
„Und wenn ich Sie nicht hätte“, sage ich.
„Ohne Sie“, sagt Mira Poupoulo, „hätte ich nur halb so viel Glück in der Liebe.“
Die Höflichkeit verbietet es, ihr beizupflichten. Dabei steht außer Frage: Es ist das duftende Haarwasser, das die Liebhaber wenn nicht wie Licht die Motten, so doch wie Blüten die Falter anzieht.
Cut three
Alles, was an Mira Poupoulo Bewunderung hervorruft, fehlt Herrn Jakob, der im Vergleich zu ihr nur ein Schatten ist. Ihrem volltönenden Sopran kann er allenfalls ein Räuspern entgegensetzen, das er in fünfunddreißig Dienstjahren perfektioniert hat. Ausgewogenheit ist seine hervorstechendste Eigenschaft. Er neigt weder zur Korpulenz noch ist er wirklich schlank, aber – und das ist der springende Punkt – er trägt kaum ein Haar. Was auf seinem Kopf wächst, gleicht den mageren Gräsern einer Steppe.
Wer die Dinge nüchtern betrachtet, würde ihm zu einer klaren Lösung raten, zumal ein blanker Kopf seinen ästhetischen Reiz hat. Doch der Fall Jakob liegt komplizierter und das Frisieren bedeutet bei ihm mehr, als zwei Haare nach links und eins nach rechts zu legen. Ich bin kein Prophet, aber mir erscheinen die Resthaare wie die verbleibende Lebensfrist des pensionierten Amtsrats. Wir gehen also mit großem Elan und noch größerer Umsicht daran: Ich festige, töne, kämme sie, zaubere eine Locke und föhne zu guter Letzt alles zu einem empfindlichen Gebilde. Es wäre nicht überspitzt, von einer filigranen Haarskulptur zu sprechen. Sie fällt auf, während seine Kleidung grau und sein Gesicht bis zur Ausdruckslosigkeit blass ist. Aber seine Frisur demonstriert, dass auch in einem Amtsrat ein fantasievoller Geist rumort.
…
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Verfasst von Ronald
25. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Der andere Salon
© Christiane Weber
Regentropfen fielen aus dem grauen Himmel und liefen an der herbstlich geschmückten Schaufensterscheibe herunter. Kühler Herbstwind trieb die Passanten vor sich her. Wütend hielten sie ihre Regenschirme gegen den Wind und kämpften sich fluchend über den nassen Asphalt.
Eine Frau blieb gedankenverloren vor dem kleinen Laden stehen. Ihre blonden langen Haare hatte sie unter einer Wollmütze verborgen. Ein Zopf blickte nur noch unter ihr hervor. Nach einigem Zögern öffnete sie die Ladentür und betrat den Salon Erika.
„Ist es so weit“, begrüßte sie eine mollige Frau mit roten hochtoupierten Haaren und nahm sie in ihre Arme.
Die Kundin nickte nur und sah zu Boden. Erika führte sie durch den Raum.
„Paula“, rief sie mit sanfter Stimme, „mach uns einen Kaffee.“
Aus dem kleinen Kofferradio flehte Gilbert Becaud seine Natalie an, wiederzukommen. Die Kundin setzte sich auf einen Sessel. Sie blickte in den großen Spiegel. Plötzlich rannen Tränen über ihre bleichen Wangen. Paula lächelte und stellte zwei Kaffeebecher auf die Frisierkommode.
„Du trinkst ihn gerne schwarz Marie, stimmt’s?“
Marie nickte.
„Ich habe so viele Haare verloren.“
Die Frau nahm ihre Mütze ab. Erika sah die pfenniggroßen Stellen auf der Kopfhaut und streichelte über ihren Kopf.
„Wir machen dich schön, Marie. Du darfst dich nur nicht aufgeben. Sieh’ mal“, dabei zeigte sie auf die kleinen Schwarzweißfotos, die an die Pinnwand geheftet waren, „sie haben alle überlebt und fühlen sich wie neu geboren.“
Marie sah nur kurz auf und schloss wieder die Augen.
„Manchmal sind die Haare nach der Therapie schöner als vorher.“ Erika lächelte aufmunternd.
„Ich werde sterben“, schluchzte Marie und hielt ihre Hände vor das Gesicht.
„Nein, das wirst du nicht, Schätzchen. Wer bei Erika Kundin ist, überlebt jede Schlacht.“ Beruhigend streichelte Erika über Maries schmale Schultern.
„Ich habe zwei Kinder, Erika. Verstehst du? Ich kann noch nicht gehen!“
„Ich weiß, Kleines. Sie werden dich nicht verlieren. Du hast so viel Kraft.“
Paula legte eine Schere auf den Frisiertisch.
„Möchtest du dich noch einmal ansehen, Marie?“
Sie schüttelte den Kopf und sah nach unten.
„Bitte, mach schnell“, bat sie nur.
Die Regentropfen schlugen gegen die Scheibe, als Erika die langen blonden Haare schnitt. Anschließend massierte sie die kahle Kopfhaut und cremte sie liebevoll ein. Erika hielt Marie ganz fest, als diese später in den Spiegel sah.
„Das bin ich nicht“, flüsterte sie unter Tränen.
Die Kirchturmuhr schlug sechs Mal.
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25. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Prinzessin Eisenherz
© Jens Uwe Stolte
Heute habe ich eine Audienz bei Prinzessin Eisenherz bekommen. Sie studiert in einer anderen Stadt, und wir sehen uns nicht allzu häufig. Ich spiele eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Manchmal können wir uns nicht sehen, weil sie lernen muss, weil sie Klavier spielen muss, weil sie noch mit dem Hund raus muss; es sind halt so viele Dinge wichtig, von denen ich keine Ahnung habe.
Wenn Prinzessin Eisenherz das so festgelegt hat, dann stimme ich besser zu, sonst gibt es endlose Diskussionen, die sich im Kreis drehen, und dabei wird sie immer zickiger. Immerhin bin ich so wichtig, dass wir uns heute in einem Friseursalon treffen können. Es gibt in ihrer Uni-Stadt nämlich keinen Friseur, der ihr die Haare recht machen kann, deshalb muss es hier sein. Es handelt sich um eine Prinz-Eisenherz-Frisur für Frauen. Ihre schwarzen Haare sind eigentlich genau wie bei Prinz Eisenherz, nur stufig geschnitten. Diese Frisur ist wie eine stabile Gleichgewichtslage für sie. Es erfolgt immer eine Rückkehr zu dieser Frisur, es hilft keine Intervention von außen.
Wenn man mal ihre längeren Haare bemerkt, auch mit einem netten Kompliment, dann hat sie ein paar Tage später wieder den Prinz Eisenherz. Einmal war sie nervlich fertig, weil bei einem anderen Friseur etwas schiefgegangen sein sollte und die Haare jetzt fürchterlich kurz seien.
Als ich sie sah, war es wieder der Prinz Eisenherz, nur etwas kürzer. Aber ohne Pep, alles nur glatt herunter. Auch konnte ich sie nicht zu einer richtigen Kurzhaarfrisur ermuntern, bald hatte sie wieder den gewohnten Schnitt.
Über das Telefon hatten wir abgesprochen, dass wir dann zusammen zum Friseur gehen, ich müsste nämlich auch mal wieder zum Friseur.
Das ist eigentlich nicht so ganz richtig, ich war erst letzte Woche da und habe mir die Haare recht kurz schneiden lassen, aber wenn wir uns halt anders nicht treffen können, gehe ich eben noch mal.
Samstag früh kommt sie vor meinem Haus auf dem Parkplatz an. Wir gehen gleich zu Fuß in die City, sie hat einen Termin bei ihrer Friseurin, ich werde wohl noch so irgendwie dazwischen kommen können. Wir betreten den Salon. Es ist noch sehr früh, die Herrenabteilung ist leer, bei den Damen sind schon einige Termine in Warteposition. Während Prinzessin Eisenherz noch warten muss, werde ich von einer Friseurin abgeholt und in die Herrenabteilung geleitet.
Ich nehme auf einem Friseurstuhl Platz. Sie legt mir einen Papierkragen um und wirft mir einen großen blauen Umhang über.
„Wie soll es denn geschnitten werden?“
„Ach, machen Sie mal kurz, das kann ruhig zu sehen sein, das soll sich schon lohnen, wenn ich mal hier bin.“
Meine Haare sind letzte Woche erst geschnitten worden, Ohren frei, der Nacken ist knapp durchgestuft, auf dem Oberkopf ist auch nicht mehr so wahnsinnig viel Volumen, aber für Prinzessin Eisenherz gehe ich natürlich zum Friseur und lasse mir die Haare schneiden.
Die Friseurin nimmt Kamm und Schere, kämmt einzelne Strähnen hoch, hält sie zwischen zwei Fingern, klemmt dann den Kamm zwischen Daumen und Zeigefinger, um dann die Schere anzusetzen: Schnipp-Schnipp-Schnipp. Die eben noch hochstehende Strähne fällt auf den Kopf, am Ohr vorbei und bleibt auf dem Umhang liegen. Sie kämmt die nächste Strähne hoch. Wieder wird die Strähne zwischen den Fingern gehalten und die Schere schneidet wieder, die Strähne landet auf dem Umhang.
Sie arbeitet sehr effektiv. Nimmt Strähne für Strähne, der Umhang wird voll.
Während sie schneidet unterhalten wir uns über Frisuren. Sie ist ganz angetan von meinen kurzen Haaren. Es würde nicht viele Männer geben, die gerne kurze Haare haben. Mir fällt auf, dass sie die Haare direkt über den Fingern abschneidet, die Finger liegen direkt auf der Kopfhaut auf. Und sie ist zierlich. Das wird also richtig kurz. Sie kämmt den Oberkopf nach vorne aus, Haarbüschel fallen über mein Gesicht auf den Umhang. Weiter geht’s mit den Seiten und dem Nacken. Die Haare fallen, der Abschluss kommt mit der Maschine. Noch die Seiten und den Nacken ausrasiert, dann der Blick in den Spiegel. Ein schmaler Kopf schaut mich an, sie hat doch wirklich sehr grazile Finger.
Dann fegt sie mir mit dem Nackenwedel den Kopf sauber, rasiert noch den Nacken aus und entlässt mich.
Ich gehe zur Kasse und bezahle meinen Haarschnitt. Dann sage ich, dass ich noch auf jemanden warten möchte; alles kein Problem und gehe wieder nach oben in die Damenabteilung.
Prinzessin Eisenherz war derweil beim Waschen. Mit zurückgekämmten nassen Haaren sitzt sie in Warteposition. Sie hat einen sehr schönen Haaransatz an der Stirn, der aber durch die normale Frisur nie zu sehen ist. Ich betrachte sie im Spiegel.
…
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25. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Seine Nackenhaare – gänsehautähnlich
© Kerstin Lisa Höfner
Ein kleiner, roter Käfer wohnt da, wo ich arbeite.
Er sagt, er bewacht uns. Wenn das Telefon klingelt, kann er voraussehen, ob es ein erfreulicher oder unerfreulicher Anruf ist. Wenn er Lust dazu hat. Das Zimmer ist weiß und groß. Die Waschbecken, Regale und Schränke sind schwarz. Steril. Damit die Leute es mögen. So schick. Damit sie sich gut aufgehoben fühlen, sagt mein Chef.
Die Leute, die kommen und sich unsere Freunde nennen ohne uns gefragt zu haben, fühlen sich tatsächlich wohl bei uns. Das macht mir nichts. Ich bekomme Geld wenn sie wieder gehen. Ich finde es merkwürdig, dass sie sich alles genau anschauen und denken, dass sie uns dann besser kennen lernen könnten.
Ich habe ja den kleinen, roten Käfer. Außer mir sieht ihn niemand, und das ist gut so, denn dann habe ich das Gefühl, er passt nur auf mich auf. Vielleicht ist er wirklich nur wegen mir da. Er bleibt auch da, wenn alle von der Arbeit nach Hause gehen und die Scheren und Kämme in den Schubladen schlafen. Er ist aber auch da, wenn alle bereits nach Hause gegangen sind und mein Chef die Tür abschließt, damit ich nicht wegrenne.
Am Wochenende kommt meine Mutter vorbei und bringt Kuchen mit. Sie denkt, dann würde ich ihr alles über mich erzählen, beim Kaffeetrinken. Die neue Haarfarbe steht mir gut, hat sie gesagt, und, ob mein Chef das gemacht hat. Nein, eine Arbeitskollegin. Was die Arbeit macht, fragt sie. Alles läuft prima, lüge ich und lache. Sie weiß nicht, dass mein Lächeln nur aufgemalt ist und sie bemerkt nicht, dass ich ihr nichts erzähle, obwohl ich so viel rede.
Wenn sie geht, bin ich erleichtert. Ich lasse mein Lächeln auf die Kacheln im Badezimmer fallen. Es zerspringt und ich kann es aufkehren und in den Mülleimer werfen. Zu den Scherben meines Lebens.
Am Dienstag gehe ich nicht zur Arbeit. Es sind genug Leute angestellt. Ich melde mich krank und weiß, dass die Arbeit auch ohne mich funktioniert. Der rote Käfer hat das Gespräch bestimmt mitgehört. Aber er weiß ja auch, warum ich so tue, als sei ich krank. Mein Chef auch. Das macht mir Angst und ist mir gleichzeitig egal.
Ich bleibe zwei Tage im Bett liegen. In mir drin ist ein schwarzes, tiefes Loch. Es ist leer. Dunkel. Ich presse mein Gesicht gegen die kalten Fliesen im Bad. Ich würde jetzt gerne jemanden in den Arm nehmen und mich an ihm festhalten. Aber ich habe verlernt, festzuhalten und zu lieben. Ich habe wohl auch vergessen, dass ich stark bin.
Und außerdem kommt mir beim Gedanken an Berührung immer mein Chef in die Quere. Er mischt sich in mein Privatleben ein, ohne dass er da ist. Ohne dass er etwas sagt. Es reicht, wenn er meine Träume verunreinigt, tanzend durch seinen Salon. Die Waschbecken mit Scheren polierend, die Tönungen und Färbungen mit feinen Kämmen kaputtschneidend und die Lockenwickler an seinen Fußzehen klemmend macht er sich über mich lustig.
Cherry hat mich mit auf eine Party genommen. Alle wichtigen Leute der Szene sind da, hat Cherry gesagt. Die piercing-durchstochene und vom Hals bis unter den Bauchnabel tätowierte Auszubildende. Ich mag Cherry, sie hat keine Angst. Vor nichts. Sie färbt am liebsten lila oder pink. Cherry sagt dem Chef alles ins Gesicht. Ich beneide sie. Es ist ihr egal, was die Leute von ihr denken. Der Chef feuert sie nicht. Er braucht sie, denn sie ist gut und die schrillen und skurrilen Leute mögen es, von ihresgleichen die Frisuren gemacht zu bekommen. Ich würde Cherry gerne fragen, ob sie mir ein Stück ihres Selbstvertrauens schenkt. Würde es sogar mieten. Für nur einen Tag. Zahle auch in Raten, wenn’s sehr teuer ist. Trau mich nicht. Cherry schleift mich zur Bar. Ich will meinen Chef nicht sehen. Ich will eine Schere in der Hand haben, falls ich ihm begegne. Ich bin nicht seine Papillotenmaus. Ich will ihm mit der Schere auch nicht die Haare abschneiden. Was anderes, damit er mich in Ruhe lässt.
Ein paar Minuten später sehe ich den Chef. Mit zwei aufgebrezelten Blondinen. Eine rechts, eine links. Damit er schöner aussieht. Alleine sieht er nämlich furchtbar aus. Cherry sagt, absolut abgefuckt, hat nichts, dieser Mann – außer fette Kohle. Meine Hände zittern und ich habe keine Lust zu tanzen. Ich atme tief durch und schlängele mich durch die Menschenmenge zum Bad, bevor ich umfalle.
Ich sehe, wie er sich zu mir herunterbeugt und mich küsst. Dann schließe ich die Augen, weil es weh tut und ich es nicht will. Sein beißender Geruch. Ekel. Aber ich traue mich nicht wegzulaufen, ich wollte ja unbedingt dort arbeiten.
Jemand klopft an die Tür und ich stehe auf, nehme meine Jacke und gehe nach Hause. Ich weiß, dass alle Leute komisch geguckt haben. Cherrys Zunge kreist unentwegt im Ohr eines Szene-Intimbehaarungsfrisörs. Gut, dass sie mich nicht weglaufen sieht, sonst würde sie mir hinterher rennen.
Auf der Straße fühle ich mich besser. Ich laufe durch die dunklen Straßen nach Hause. Ich habe Angst vor morgen, habe Angst vor der Arbeit. Einen Moment lang bilde ich mir ein, dass der rote Käfer auf einem Zebrastreifen sitzt. Ich will drauftreten, aber da ist er weg.
Niemand kann das schwarze, leere Loch sehen. Aber ich fühle die Tiefe und die Dunkelheit, die es in mir hervorruft, weil es weh tut. Ich kann es nicht stopfen, denn es geht in die Unendlichkeit.
Manchmal beiße ich in mein Telefon oder trete gegen die Badezimmertür, damit ich mich ablenke.
Wenn ich gefragt werde, ob alles in Ordnung ist, malt sich wie von selbst ein falsches Lächeln auf meinen Mund und ich nicke. Dann blinzle ich die Tränen weg und denke an rote Käfer oder betrinke mich in der Kneipe um die Ecke. Damit das Zimmer, die Waschbecken und alles aus meinem Kopf verschwinden.
Vor allem der Chef. Kann ihn nicht leiden.
Am Wochenende war meine Mutter wieder da. Aber nur kurz, sie hat nur Kuchen vorbeigebracht.
Und ein paar Stunden später klingelte es an der Tür. Es war A. Habe ihn neulich kennen gelernt. Kam, um sich die Haare färben zu lassen. Hat mir gut gefallen. Mein Chef war weg und deshalb konnte ich in aller Ruhe mit ihm flirten. Seine Nackenhaare aufgestellt, gänsehautähnlich und süß irgendwie, als ich mit dem Rasierer hinter ihm stand. Deshalb hab ich ihm erlaubt, mich zu besuchen. Ich hätte ihn gerne geküsst, aber mir war übel und ich war schlecht gelaunt, weil meine Mutter da gewesen war. A. schaute sich um und ich fand es gut, dass er meine Sachen so genau ansah. Mir ging es gut, als er da war. Ich musste nicht in mein Telefon beißen und habe auch nichts getrunken.
Aber ich hätte ihn gern gebissen. Vielleicht in den Oberarm. Oder in den Bauch. Aber ich habe mich nicht getraut, weil ich weiß, ich hätte es nicht gekonnt.
Habe verlernt, mich was zu trauen und Gefühl zu zeigen. Habe verlernt, so was zu tun. Außerdem saß die ganze Zeit ein roter Käfer auf seiner Nasenspitze und hat mich angestarrt. Und dann musste ich sofort wieder daran denken.
…
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20. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Kaffeekränzchen im Frisiersalon
© Matthias N. Schütz
Der kleine Philipp starrte durch das Fenster auf die Straße. Sein Termin zum Haareschneiden war längst verstrichen und er saß immer noch neben den wartenden Herren, ungeduldig und aufgeregt, weil es länger dauerte als gewöhnlich.
Die vielen Geräusche um ihn herum, das Stimmengewirr der kommenden und gehenden Kunden, vor allem das der weiblichen Kundschaft, störte ihn mehr als ein dröhnender Föhn. Quasseln, quasseln, quasseln – dachte er sich, welch eine Ausdauer Menschen haben können, wenn es darum geht, ihre Mitmenschen mit sinnlosen und nervtötenden Geschichten zu betäuben. Jedes Mittel ist ihnen recht, vor allem sitzend, in den großen Spiegel blickend, noch jemanden zu sehen, der genauso grässlich aussieht wie man selbst, trotzdem geduldig wartend, bis sich ein Opfer in ihre Nähe begeben wird.
Philipps Blicke wandten sich von der weiblichen Kundschaft ab. Bei den Herren dauert es diesmal wirklich besonders lang, dachte er. Kaffeeduft lag in der Luft. Kaffeekränzchen im Frisiersalon. In der Theke nahe dem Eingang standen leider keine Kuchen, auch keine Sahnetörtchen in der Auslage – nur Haarsprays, Festiger, Tönungen, Volumenmacher, Styling-Gel, Kämme, Bürsten, Lockenwickler und Rasierwasser.
Oh, wie schön wäre es, wenn sich alle diese Dosen, Tuben und Flaschen in Süßigkeiten verwandeln könnten! Die Wartezeit verginge dann schneller und der Kaffee würde sich für die Kinder in Kakao, Limonade und frische Säfte verwandeln. Natürlich alles mit Strohhalm!
Es dauerte immer noch, bis er endlich an der Reihe war und so entschloss sich Philipp, den Frisiersalon zu verwandeln. Er hatte auch schon eine Tankstelle in einen Spielplatz, das Klassenzimmer in einen Zoo, und den Garten in eine Oase verwandelt. Warum nicht den Frisiersalon auch in etwas Schöneres umgestalten?
Philipp schloss seine Augen ganz fest und verschwand in seiner Traumfabrik. Nichts konnte ihn jetzt mehr stören. Der Vorhang ging auf! Aus dem Frisiersalon wurde ein Café. Die beweglichen Waschbecken zum Haarewaschen verwandelten sich in kleine Tische mit Holzfüßen. Die Wartestühle gruppierten sich zu den freien Plätzen an die Tische, die Handtücher legten sich nacheinander als Tischdeckchen auf die runden Marmorplatten der Tische, und die drehbaren Stühle bekamen hohe Rücken- und Armlehnen, wie der gemütliche Ohrensessel bei seiner Oma. Die scheußlichen Trockenhauben an den Wänden wurden nicht mehr warm, sondern hingen als ausziehbare Wandlampen mit lustig bespannten Lampenschirmen in das Café hinein und strahlten ein warmes und gemütliches Licht auf die Tische und ihre Umgebung. Die vielen Spiegel an den Wänden veränderten sich nicht, nur aus dem vielen Krimskrams, der vor ihnen aufgebaut auf den Ablagen stand, wurden bunte Vasen, kleine Skulpturen, Spieluhren und Keksdosen. Die moderne Computerkasse verwandelte sich zu einer alten mechanischen Registrierkasse, mit einer hölzernen Schublade, für die vielen verschiedenen Münzen und Scheine. Und die Theke? Alles, alles was darin stand, verzauberte Philipp. Aus dem Haarspray wurde Zuckerwatte, der Festiger wuchs zu dicken runden Kaugummistangen heran, die verschiedenfarbigen Haartönungen verwandelten sich in große bunte Brausestangen, der Volumenmacher änderte seine Form und es entstand eine Schüssel Sahne daraus, das Styling-Gel gefror zu Schokoladeneis, die Kämme und Bürsten füllten sich als Wundertüten, aus den Lockenwicklern wurden Mohrenköpfe, und aus dem Rasierwasser wurde eine süße Erdbeersoße.
Aus den quasselnden Kundinnen machte Philipp viele lustige Mädchen und aus den griesgrämigen wartenden Herren spielende Jungs. Alle Kinder hüpften fröhlich singend durch das Kindercafé, und kein Erwachsener stand im Weg, der Verbote oder Ermahnungen verteilte.
„PHILIPP, du bist der Nächste“, erklang es aus einer verborgenen Ecke.
„Es gibt hier keine Erwachsenen“, antwortete Philipp verärgert, noch halb in seinem Traum versunken, „Nein.
„Aber deine Mutter hat dich zum Haareschneiden hierher geschickt“, erklang es wieder von einer erwachsenen Stimme. „Öffne deine Augen, du hast geträumt, du bist dran.“
Philipp öffnete seine Augen und das schöne Café zerplatzte wie eine Seifenblase.
„Träume machen Spaß, Träume erfüllen mir noch mehr als du dir vorstellen kannst. Du kannst dir das nicht vorstellen, weil du nur Haare schneiden oder färben kannst und nicht mehr“, rief Philipp auf dem Weg zum Frisierstuhl.
Es wurde still im Frisiersalon, alle Anwesenden sahen sich teils verwundert oder auch nur fragend gegenseitig an, bis allgemeines Gelächter den Frisiersalon in ein fröhliches Theater verwandelt hatte.
Philipp ließ sich die Haare von Gerhard, dem Friseur, schneiden wie es seine Mutter wollte und bekam zum Schluss sogar ein Tütchen Gummibärchen.
„Es ist trotzdem kein Café für Kinder!“, dachte er.
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Lemont kommt bald
© Claudia Hüfner
Heute ist es wieder soweit. Regelmäßig. Alle 12 Wochen. Oder jedes Viertel Jahr. Ich liege auf der lederbezogenen Fläche und lasse im ungewohnten Vibrieren des einlullenden „Rütteltisches“ die Gedanken physikalisch unmögliche Zeitsprünge machen. Er hat fast hypnotische Wirkung, dieser Ruhesessel, auf den mich meine Haarstylistin gebeten hat. Als ich mich mit den strenggezogenen Wicklern am Kopf ein wenig zurechtgerückt habe, bedient sie ein Tastenfeld zu meiner Linken, lässt mit leisem Motorsummen das Fußteil in die Waagrechte fahren und setzt die Massagefunktion in Gang. Da liege ich nun und versuche den Schmerz zu ignorieren, den die harten straff gespannten Röllchen auf meiner Kopfhaut verursachen. Zwanzig Minuten muss ich den beißenden Geruch der Fixierflüssigkeit ertragen, der mich wie ein Helm umhüllt. Schönheit muss leiden. Alle 12 Wochen. Dann ist die Dauerwelle regelmäßig wieder herausgewachsen und mein Haar hat den Charme eines alten Mopps. Andrea ist sehr freundlich und zuvorkommend, der Service des Hauses setzt auf angenehme Zurückhaltung. Sie quasselt mir kein Ohr ab und löchert auch nicht mit nervigen Fragen. Wir reden, wenn wir wollen. Oder eben nicht. Der Salon ist das Modernste, was die Stadt in dieser Hinsicht zu bieten hat. Mediterranes Flair in der warmen Farbgebung der Wände, mit unauffälliger und dennoch üppiger Bepflanzung – ein Cappuccinozentrum verströmt leise blubbernd betörenden Kaffeeduft, Labsal für die Kunden. Der Rüttelsessel tut das Übrige, um die knapp dreistündige Prozedur so angenehm wie möglich zu machen. Der Meister persönlich ist sympathisch und klischeegetreu schwul. Die Art, die Frau mag. Als beste männliche Freundin. Und geschäftstüchtig. Die Preise sind der Kostbarkeit der Raumgestaltung angeglichen. Aber dafür bekommt man tatsächlich was für sein Geld. Sonst käme ich nicht immer wieder her.
Langsam lösen die sanften Vibrationen die Verspannung im Nacken von der Waschorgie, die die erste Chemikalie wieder aus den Haaren spülen sollte. Zwei geschickt platzierte Fernseher in Zimmerdeckenhöhe bieten visuelle Reize zur dezent eingestellten Musik. Wellness ist angesagt. Die Gedanken treiben schwerelos. Zurück zu jenem Tag, der so bedeutend für mich sein sollte. Zurück in ein kleines Dorf zwischen Cannes und Nizza an der Cote d’Azur, im Sommer vor 12 Jahren. Ich hatte ein kleines Auto gemietet. Nur für die 14 Tage, die mir als Urlaub zur Verfügung standen. Es war mein letzter Tag, meine letzten Stunden an dieser blautrunkenen Küste mit der prächtigen Vegetation und der gleißenden Sonne. Die Küstenstraße war nicht besonders befahren und ich genoss die letzte Fahrt zum Flughafen in der Nähe von Nizza. Dort musste ich den Wagen wieder abgeben. Ein kleiner Peugeot 106. Wendig und wie für mich geschaffen, für meinen Bewegungsdrang und kulturellen Wissensdurst. Vom Hotel war ich zeitig losgefahren, hatte mein Gepäck im Kofferraum verstaut und wollte die Stunden bis zum ultimativ letzten Shuttlebus zum Flughafen und der Eincheckprozedur möglichst bis zur Neige genießen. Das Sonnenverdeck zurückgeschoben, umwehte eine böige Brise des immerwährenden Mistrals mein Gesicht. Langsam zog es sich zu. Die Gewitter kamen überraschend hier, entluden sich mit Wucht und waren meist bald wieder verschwunden. Hinterließen die Erde in noch saftigerer Fruchtbarkeit als zuvor. In einem der typischen kleinen Dörfer hielt ich an, um das Verdeck zu schließen, als die ersten Tropfen fielen. Der Ort besaß nur ein paar Häuser, eine Boulangerie, eine Boucherie und einen Coiffeur, vor dem ich nun stand. Eines dieser idyllischen Postkartendörfer, in denen die Zeit stehengeblieben schien, voller Ruhe und jenseits des lauten Touristenrummels. Kein Restaurant warb mit seinen Menus, kein Andenkenladen verschandelte die noch originären Häuserfassaden. Auf der gegenüberliegenden Seite hatte eine alte Frau zwei der obligatorischen Baguettes unter den Arm geklemmt, sonst befand sich niemand auf der Straße. Ein altes verwittertes Schild wies den Laden hinter mir als Frisiersalon aus, eine rostige Kette schaukelte den silbernen Teller heftig im aufkommenden Wind. Es würde ungemütlich werden und nun wollte ich doch möglichst bald den Shuttlebahnhof neben der Mietautogarage erreichen. Mein Flieger ging in fünf Stunden am frühen Nachmittag.
Ich bestieg den Kleinwagen und startete. Der Wagen gab ein unangenehmes Geräusch von sich und bewegte sich keinen Meter. Auch der zweite und dritte Versuch brachten nichts Neues. Leichte Panik wollte aufsteigen. Wo sollte ich hier Hilfe bekommen? Kein Telefon, keine Werkstatt, kein Taxi in der Nähe. Noch war Zeit genug, versuchte ich mich zu beruhigen. Vielleicht gab es ja im Frisiersalon hinter mir ein Telefon. Der Mistral hatte seine beste Wolkenwand geschickt und sie schien sich genau über mir zu entladen. Der kurze Weg in den Laden hatte schon dafür gereicht, recht durchnässt zu werden. Die Tür ging schwer und setzte eine uralte Klingel in Betrieb. Drei Augenpaare starrten mich freundlich fragend an. Der Frisör, ein Mann in undefinierbarem Alter, aber schon mit schlohweißem Haar gesegnet, war gerade über seinen nicht minder jüngeren Kunden gebeugt, der als weiß ummantelter Berg auf einem schweren Stuhl nach hinten gekippt, eingeschäumt auf seine Rasur wartete. Im Hintergrund faltete eine zierliche alte Dame in adretter spitzenumsäumter Kleidung einige Tücher zusammen. Die Frau kam auf mich zu und fragte, was sie für mich tun könne. Dass ich nicht wegen einer Frisur gekommen war, schien ihr sofort klar zu sein, obwohl ich nach dem Guss bestimmt eine Wäsche hätte brauchen können. Mit schmalen Französischkenntnissen schilderte ich meine prekäre Situation.
…
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Verfasst von Ronald
20. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Schlussfolgerungen
© Britta Dubber
Ich erkannte sie sofort. Sie hatte sich kaum verändert.
Unentschlossen blieb ich im Eingangsbereich stehen und starrte sie an. Sie wickelte einer grauhaarigen Dame gerade Lockenwickler ins Haar, ab und zu sah und hörte ich sie lachen. Ein herzhaftes Lachen, das beinahe ansteckend wirkte. Ich kannte es noch von früher.
An vieles konnte ich mich nicht mehr erinnern, aber ihr Lachen war mir im Gedächtnis geblieben. Kurz nachdem sie uns verlassen hatte, war für lange Zeit ihr Lachen in meinen Träumen ertönt. Aber ich hatte nie ihr Gesicht dazu gesehen. Damals hatten mich die Träume geängstigt und ich hatte mir jeden Abend vor dem Schlafengehen ein Foto von ihr angeguckt, weil ich Angst hatte, ihr Gesicht zu vergessen. Irgendwann war ihr Lachen verschwunden.
Ich zuckte zusammen, als sie in meine Richtung blickte, aber sie schien mich nicht erkannt zu haben. Sie rief ihrer Kollegin an der Kasse etwas zu, dann widmete sie sich wieder ihrer Kundin.
Sie trug immer noch eine blonde Kurzhaarfrisur und wie früher war sie ganz in Schwarz gekleidet. „Die Farbe macht Mama schlank“, hatte sie mir einmal geantwortet, als ich wissen wollte, weshalb sie immer nur dunkle Kleidung trug. Damals war ich fünf gewesen und kurz darauf hatte sie uns verlassen.
Ob sie mich wiedererkennen würde? Immerhin waren fast zwanzig Jahre vergangen. Aus einer tollpatschigen Fünfjährigen, war eine ehrgeizige, erfolgreiche Geschäftsfrau geworden.
„Was kann ich für Sie tun?“
Eine junge Frau mit knallroten Rastalocken riss mich aus meinen Gedanken. Ich fuhr zusammen und lächelte nervös.
„Ich… Ich möchte von Margarethe Schmidt bedient werden“, sagte ich und war mir noch nicht einmal sicher, ob ich das auch wirklich wollte.
Die junge Frau, ein Lehrling vermutete ich, lächelte mir freundlich zu, dann führte sie mich zu einer kleinen Sitzecke, die gleich neben der Kasse war.
„Frau Schmidt ist völlig ausgebucht heute, aber vielleicht kann eine meiner Kolleginnen Ihnen weiterhelfen? Sie können auch warten, aber das kann lange dauern. Oder Sie machen einen Termin“, sagte sie mit glockenheller Stimme.
„Ich weiß nicht“, sagte ich unentschlossen und setzte mich auf einen der Metallstühle. Wollte ich meiner Mutter wirklich nach all den Jahren gegenübertreten? Wollte ich sie und vor allem mich mit der Vergangenheit konfrontieren?
„Ich warte einfach“, sagte ich.
Die Rothaarige lächelte mir kurz zu, nickte und rauschte dann davon. Kurze Zeit später sah ich sie an der Kasse, wie sie mit einer älteren Kollegin sprach, die mehrmals in meine Richtung blickte.
Vermutlich hatte ich einen verwirrten Eindruck gemacht, aber das war mir egal. Mich hatte noch nie interessiert, was andere Leute von mir hielten oder über mich dachten.
Ich griff nach einer Modezeitschrift, die auf dem Glastisch vor mir lag und blätterte darin, doch meine Gedanken drehten sich ununterbrochen um meine Mutter, so legte ich die Zeitschrift wieder beiseite und begann, mich im Laden umzusehen.
Der Friseursalon sah aus wie jeder andere, viele Poster von schönen Menschen mit schicken modischen Frisuren hingen an den Wänden.
Ich betrachtete gerade intensiv das Bild einer jungen Frau mit einem blonden Pagenkopf, welches neben der Eingangstür hing, als meine Mutter von der Rothaarigen an die Kasse gerufen wurde.
„Telefon, es ist dein Mann“, sagte sie, als sie ihr den Hörer in die Hand drückte.
Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl hin und her. Sie war verheiratet. Diese Möglichkeit hatte ich gar nicht berücksichtigt.
Aber, was hatte ich denn erwartet? Sie war eine attraktive Frau, die uns mit Sicherheit nicht verlassen hatte, um ein klösterliches Leben zu führen.
Hatte sie weitere Kinder?
„Du kannst doch auch mal einkaufen gehen, warum soll ich denn alles machen?“, schrie sie plötzlich.
Ich blickte auf den Boden. Mir war die Situation auf einmal unangenehm. Was erwartete ich überhaupt? Eine Versöhnung? Nein, ich wollte meine Fragen beantwortet haben.
Aber wollte ich das wirklich? Was, wenn mir die Antworten nicht gefielen?
„Ich arbeite hart, während du auf der faulen Haut liegst. Ist es da zu viel verlangt, dass du etwas im Haushalt mithilfst?“, schrie sie weiter in den Hörer.
Ihr Mann ist vermutlich arbeitslos, vielleicht Alkoholiker, ging es mir durch den Kopf. Und sie ist diejenige, die das Geld nach Hause bringt, welches er vermutlich versäuft oder verspielt. Vielleicht schlägt er sie sogar.
Ich sah zu ihr rüber. Sie hatte tiefe Ringe unter den Augen und ihr Teint war sehr blass.
Was für ein Leben, dachte ich, und empfand auf einmal Mitleid.
Sie war eine hart arbeitende Friseuse. Dieser Beruf wurde nicht gerade gut bezahlt, zudem schien ihr Mann ein fauler Sack zu sein.
Ich stand auf und ging zur Tür.
Ich hatte genug Antworten gefunden. Für mich spielte es keine Rolle mehr, warum sie uns verlassen hatte. Mir war klar geworden, dass das für mich nicht mehr von Bedeutung war. Vielleicht war es nie von Wichtigkeit gewesen. Vielleicht hatte ich sie einfach nur sehen wollen.
Als ich den Salon verließ, empfand ich plötzlich ein unglaubliches Gefühl von Erleichterung.
Ich hatte mit meiner Vergangenheit abgeschlossen. Ich fühlte mich frei.
„Wo ist denn die Kundin hin, diese große Blonde, die in der Warteecke gesessen hatte?“, fragte Margarethe, als sie den Anruf beendet hatte.
Die Rothaarige zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Sie wollte von der Chefin persönlich bedient werden“, erwiderte sie in hochgestochenem Tonfall. „Ich habe ihr gesagt, dass du zu tun hast und es lange dauern kann. Vermutlich war ihr die Zeit zu lang geworden.“
Margarethe grunzte. „Da ist sie nicht die Einzige. Herbert wird die Zeit in seinem Urlaub auch zu lang. Ist das zu fassen, da arbeitet er sechs Tage die Woche als Filialleiter eines Supermarktes, aber einkaufen während seines Urlaubs, das kann er nicht!“, sagte sie und schüttelte ungläubig den Kopf.
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Verfasst von Ronald
20. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Nur keine Null-Acht-Fünfzehn-Frisur
© Manfred Osterfeld
Es war mal wieder soweit. Über ein halbes Jahr hatte ich mich der Entscheidung widersetzt, aber jetzt war es nicht länger hinauszuschieben. Ich konnte einfach nicht mehr übersehen, nichts mehr zu sehen. Meine Haare verdeckten mir die Sicht. Mittlerweile war ich den Widrigkeiten des täglichen Lebens hilflos ausgeliefert. Ich musste also dringend meine Abneigung gegen das Haarschneiden überwinden und zum Friseur.
Es scheint allerdings ein elementares Gesetz zu sein, dass mir derartige Erkenntnisse nur in der Fremde zuteil werden. So verhielt es sich auch jetzt. Ich war gerade für einige Tage in Berlin, um meine Freundin Lisa zu besuchen. Kurzerhand fragte ich sie um Rat. Allerdings musste es ein Szenefriseur sein, denn ich wollte keine Null-Acht-Fünfzehn-Frisur. Lisa empfahl mir wärmstens den „Headhunter“ in der Glogauer Straße.
Am nächsten Tag machte ich mich gleich auf den Weg. Ich merkte schnell, dass die Glogauer Straße eine dieser Straßen ist, in welcher an den meisten Fenstern nicht Gardinen oder Vorhänge hängen, sondern Laken und Handtücher. In solchen Gegenden werden Menschen erstochen; das wusste ich aus einschlägigen Fernsehsendungen. „Berlinbesuch endete tödlich! Friseurkunde erschlagen! Zum Zeitvertreib!“ würden die Schlagzeilen in der Bildzeitung lauten. Wäre ich mit dem Wagen unterwegs gewesen, hätte ich die Türen verriegelt, die Stop-Schilder ignoriert und wäre so schnell wie möglich durchs Gelände gefahren. So macht man das, wenn man schlau ist.
Ich war aber nicht schlau und stand schließlich unentschlossen vor dem Friseurladen. Nach kurzem Abwägen der Vor- und Nachteile stieß ich dann aber doch die Tür auf, denn Lisas Empfehlungen hatten sich in der Vergangenheit immer als goldrichtig erwiesen.
Der Friseurladen war eindeutig ein Ort, an dem Menschen Böses zustoßen konnte. Laute Techno-Musik, gemischt mit dem typischen Friseurgeruch, schlug mir mit voller Wucht entgegen. Einen Moment lang blieb ich stehen und versuchte mich zu orientieren. Dabei fielen mir die apathischen Gesichtsausdrücke der wartenden Kunden auf. Sie saßen willenlos in sich zusammengesunken auf ihren Stühlen. Was auch kein Wunder war, denn nach zehn Minuten Techno-Musik ist einem sowieso alles egal. Geht dann einmal ein Haarschnitt daneben, sind die Opfer trotzdem zufrieden. „Dass die Haare rechts kürzer sind als links, macht doch nichts. Asymmetrische Frisuren sind wieder stark im Kommen.“
Tapfer setzte ich mich trotzdem auf den einzigen freien Stuhl im Laden und betrachtete die versammelten Vertreter der Friseurinnung genauer. Nebeneinander schnitten „Von-oben-bis-unten-Tätowierte“ oder „Zum-Extrempiercing-Neigende“ ihren Opfern die Haare. Es hätte mich auch nicht sehr gewundert, wenn ein einbeiniger Friseur mit Augenklappe auf der Bildfläche erschienen wäre.
Nach einer Stunde kam ich endlich an die Reihe. Ich hatte großes Glück. Der einzige normalaussehende Friseur in dem Laden wurde frei. Er verpasste mir einen farbenfrohen Plastikumhang und redete dabei auf mich ein. Wegen der lauten Techno-Musik verstand ich allerdings nur bruchstückhaft etwas von einer Mittagspause und dass seine Kollegin Steffi heißen würde. Dann grinste er mich an und war auch schon verschwunden.
Steffi ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Ihr langes feuerrotes Haar war zu einem futuristisch angeordneten Gebilde aufgetürmt. Einzelne Strähnen versuchten in die verschiedensten Richtungen zu flüchten, was ich durchaus verstehen konnte. Die Anarchie ihrer Haare ließ das Schlimmste für meine Haare befürchten.
„Ich bin einfach nicht tolerant genug“, versuchte ich mich zu beruhigen. Todesmutig erklärte ich ihr, dass ich keinen richtigen Haarschnitt wünsche, sondern lediglich einen kleinen, korrigierenden Eingriff in meine Frisur benötige, da ich mein Haar lang und lockig zu tragen pflege. Steffi grinste mich an und begann sofort mit der dringend notwendigen Behandlung.
Als ich nach zwanzig Minuten die Augen wieder öffnete, sah mein Kopf wie eine polierte Billardkugel aus. Steffis Füße versanken bis zu den Knöcheln in meiner ehemaligen Lockenpracht. Von meiner Stirn begann der Schweiß in unregelmäßigen Bächen zu rinnen und vor meinen Augen sah ich zum ersten Mal im Leben kleine rote Punkte flimmern. Bisher hatte ich das immer für ein billiges Klischee gehalten, aber es gibt sie wirklich, die kleinen roten Punkte. Dann brach ich zusammen. Über die anschließenden Ereignisse kann ich leider nichts berichten, da ich eine Lücke in meinen Erinnerungen habe.
„Aufwachen!“, wie aus weiter Ferne drang Lisas Stimme an mein Ohr, „Und warum hast du eigentlich eine Papiertüte über dem Kopf?“
…
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Verfasst von Ronald
19. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Von Anhängseln, Feuerzeugen und Käseglocken
© Bettina Zens
Heute war wieder einer dieser absolut erfolgreichen Tage. Achtung, ich bin wieder einmal sarkastisch. Was ich damit sagen will ist, dass ich endlos genervt bin und der Versuchung eines Erdrosselungsmordes nur mit Mühe widerstehe. Wirklich.
Nein, nein! Bleibt hier, ihr könnt meine Geschichte ruhig zu Ende lesen, ich bin ganz normal im Oberstübchen. Sofern man „normal“ definieren kann. Aber ich weiche vom Thema ab. Wo war ich? Richtig. Lest ruhig weiter – ihr würdet auch einen seelischen Kollaps bekommen, wenn ihr so ein Anhängsel hättet. Ach, nicht zu vergessen: Bei dem Anhängsel handelt es sich um meine Schwester.
Zu meinem Leid nicht eine von der Sorte mit blonden Zöpfen, einem Schlecker und rosa Kleid. Ganz und gar nicht. Sie ist von der Sorte rebellisch, laut und ohne eine Messerspitze Geschmack. Wo wir schon von Messer sprechen, da war doch das große in der Küche…
Hach, ich weiche schon wieder ab! Also, noch einmal: Ich bin Jannik und das unmodische Anhängsel heißt C.J. Natürlich heißt sie nicht so. Eigentlich heißt sie Agnes. Ich weiß gar nicht, was sie gegen den Namen hat, der ist doch ganz nett. Aber das ist egal, trägt ja nichts zu meiner Geschichte bei. Wieder einmal schweife ich.
Es geht nun also darum, dass das Mädel in den Frisiersalon will. Richtig gehört – in den Frisiersalon! Obwohl sie eh fast keine Haare hat. Das heißt, dass sie sich erst vor kurzem die Haaren schneiden hat lassen. Auf jeden Fall wollte sie dahin, ich aber nicht. Weil meine Eltern nun aber auch nicht hin wollten und sie zu zweit sind, ich aber nur alleine, haben sie mich halt überstimmt. Also musste ich mit ihr hin.
Na, ich habe mich also in mein Schicksal gefügt, die Autoschlüssel geholt und habe dann auf sie gewartet. Nicht, dass ich ungeduldig bin, nein. Aber sie hätte sagen können, wann sie fahren will, oder? Dann hätte ich nicht fast eine Stunde im Auto gesessen. Natürlich hätte ich auch ins Haus gehen können, aber nachdem dort meine Eltern waren, die wiederum zu zweit wären, hielt ich es für besser, im Auto zu bleiben. Aber ich schweife.
Sie kam dann eben doch, natürlich wieder sehr modisch gekleidet – Achtung, Ironie. Genauer gesagt, hatte sie einen langen, rot-schwarz karierten Schottenrock und dazu Sandalen. Die Krönung war dann eines der chinesischen Tops. Dazu muss ich sagen, dass ich nichts gegen Schottenröcke habe, solange die in Filmen oder an Schotten sind. Gegen Sandalen auch nicht, sofern sie gerade an den Füßen einer hübschen Dame sind. Und chinesische Tops sind wirklich sehr schick. Aber kombiniert? Nennt mich intolerant, aber ich finde das nicht sehr ansprechend.
Wie auch immer, ich bin dann halt losgefahren. Zum Frisörsalon sind es nur ein paar Kilometer. Was bedeutet, dass ich mir die äußerst… eigenwillige – ja, das ist das richtige Wort – eigenwillige Musik nicht länger anhören musste. Aber ich bleibe diskret und sage nicht, was ich damit meine. Sonst würde ich wieder schweifen.
Während ich aufatmend in meinem frisch polierten Ford saß, stieg sie aus und blieb mit ihrem Rock natürlich gleich in der Tür klemmen, weil sie die schon wieder viel zu schnell und stark zugeworfen hatte. Irgendwie hat sie sich dann befreit – ich habe mir eingebildet, dass da etwas gerissen ist… egal – und stolzierte so um das Auto herum auf meine Seite. Ihr könnt euch mein Leid vorstellen, oder?
„Du kommst aber mit, Jannik!“, hat sie gesagt. Genau so, wirklich! Nicht: „Bitte, Jannik, würdest du mich begleiten?“ oder: „Jannik? Könntest du wohl bitte mitkommen?“ Nein, sie sagte: „Du kommst aber mit!“
Ja, bin ich denn ihr Hund?
Anscheinend. Ich folgte ihr halt. Natürlich nur, weil das die einzige Möglichkeit war, ihre Fingernägel von mir fern zu halten. Die hat sie auch aufgeklebt. Gelb sind sie, wenn ich nicht irre. Autsch. Und wieder einmal schweife ich. Obwohl ich keinen Schweif habe. (Wenn ihr nun verdorben seid, dann denkt ihr dasselbe, was meine Schwester denken würde. Nein, ich bin kein Eunuch. Grinst nicht so. Ihr wisst genau, wie ich das meine!)
Nachdem ich meinen frisch polierten Ford also abgesperrt hatte – ja, zugegeben, die Rostflecken sieht man zum Teil –, folgte ich ihr in den Laden.
Auf der einen Seite kichernde Hühner, die unter dieser Käseglocke saßen – wie hieß es doch gleich? Trockenhaube? – und auf der anderen Seite die älteren Damen mit den Zeitschriften und den Lockenwicklern. Mein Anhängsel war nirgendwo zu sehen, aber ich ging instinktiv zu den Hühnern unter der Käseglocke.
Leider fand ich sie da dann auch. Leider, sage ich, weil ich sonst vielleicht draußen hätte warten können.
„Herzlich Willkommen bei Wellkamm, mein Herr“, ertönte es irgendwo neben mir, und ich drehte mich also um. Was sehe ich? Einen Adler. Nein, nicht so einen tierischen. Ich meine so eine Haken-Nase, die das Gesicht vor Blicken schützt. Nicht, dass ich etwas gegen Haken-Nasen hätte. Aber ich war eben überrascht.
„Was können wir für Sie tun?“, kam die nächste Frage, und ich verhinderte mit einer geschickten Bewegung, dass die werte Dame sich bei mir einhakte.
„Nichts, danke. Ich warte nur auf meine Schwester“, lautete meine Antwort.
Netter Versuch, aber sie parierte geschickt: „Oh, dann haben Sie also Zeit“, grinste sie mir entgegen und ich versuchte, das Näschen zu ignorieren. Eigentlich war sie jünger als ich dachte. Aber absolut nicht mein Typ. Sie erinnerte mich an Agnes. Verzeihung, ich meine C.J.
Schockiert sah ich also auf meine imaginäre Uhr und schüttelte bedauernd den Kopf. „Ganz schlecht im Moment. Zeit ist Geld, Geld ist Luxus und Luxus kann ich mir momentan nicht leisten“, noch ehe das letzte Wort über meine Lippen war, wetzte ich zu der Gruppe von Anhängseln älterer Brüder.
Nachdem ich meines auf einem Stuhl entdeckt hatte, lehnte ich mich auffällig unauffällig gegen die nächstbeste Wand und wartete ab. Zumindest bis ich sah, warum sie da saß. Die Frisöse kam mit einer Haartönungsschachtel in der Hand auf sie zu und mir sprangen fast die Augen heraus. Nicht wegen der Frisöse, nein, sondern wegen der Schachtel in der Hand. Die war nämlich pink. Und wenn ich pink sage, dann meine ich pink. Pinker geht es gar nicht mehr! Ich sprang mit einem entsetzten Aufschrei von der Wand weg und stürzte mich auf sie. – Nicht auf die Frisöse! Auf die Schachtel! Ich schaffte es gerade noch so, zwischen mein Anhängsel und die Schachtel zu springen und den Vorgang aufzuhalten. Die Frisöse sah mich an, als wäre ich aus einer Klinik entlaufen. Okay, hätte ich auch getan. Aber konnte ich nicht, weil kein Spiegel da war. Also stand ich eben da und sie auch, und das Anhängsel hinter mir fing natürlich an herumzukreischen. Keine Ahnung, was es da so kreischte. War mir auch ziemlich egal. Da konnte sie Pink-Fan sein wie sie wollte, letztendlich war ich hier der Verantwortliche.
…
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Verfasst von Ronald
19. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Freds jüngste Kundin
© Eva Markert
Es erschien Fred, als wäre es noch gar nicht so lange her, dass Lena zum ersten Mal zu ihm kam. Sie mochte damals so an die vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Zum Glück befanden sich gerade keine anderen Kunden im Salon. Er erinnerte sich noch genau daran, wie sie weinte und schrie, als sie von ihrer Mutter ins Geschäft gezerrt wurde. Mit beiden Beinen stemmte sie sich dagegen. Die Haare klebten ihr schweißnass im Gesicht, und ihre Wangen glühten hochrot. Die Augen hatte sie ganz fest zugekniffen, und zwischen den Wimpern quollen unablässig dicke Tränen hervor.
Vermutlich ging es schon eine ganze Weile so, denn die Mutter schien völlig abgekämpft. Hilflos schüttelte sie das Mädchen und versuchte, das Geschrei mit Drohungen zu übertönen.
„Lena! Hör sofort auf! Wenn du jetzt nicht auf der Stelle still bist, kannst du was erleben!“
Aber das Kind reagierte überhaupt nicht.
„Wenn du weiter so brüllst, kommt der Frisör mit der Schere und schneidet dir nicht nur die Haare ab! Dann schneidet er dir auch noch die Nase ab!“
Die Lautstärke des Geschreis steigerte sich merklich.
Nun schaltete Fred sich ein. „Lena! Nicht wahr, so heißt du doch?“, sprach er das kleine Mädchen freundlich an, doch es wich angstvoll vor ihm zurück.
„Du brauchst wirklich nicht bange zu sein! Pass auf! Wir setzen dich jetzt erst mal auf einen tollen hohen Stuhl. Mit dem kannst du sogar richtig rauf- und runterfahren.“
Aber das Mädchen schrie nur noch lauter und klammerte sich am Bein seiner Mutter fest. Die versuchte vergeblich, das Kind abzuschütteln. Daniela, Freds Angestellte, war inzwischen hinzugekommen. Sie hockte sich neben das Kind und sprach ebenfalls beruhigend auf das Mädchen ein.
„Hör mir mal zu! Wir machen dich jetzt ganz schön! Und du kannst dabei zuschauen. Siehst du die vielen großen Spiegel, die wir hier im Laden haben?“
Sie griff nach Lenas Hand, aber das Mädchen begann, heftig um sich zu schlagen.
In diesem Augenblick gelang es der Mutter endlich, das schreiende Kind hochzureißen. Sie hielt es weit von sich ab, während sie zu Fred gewandt fragte: „Wohin damit?“
Fred deutete auf den Kinderstuhl, und dorthin trug die Mutter das Mädchen, das verzweifelt mit seinen Beinen ins Leere trat.
Zu dritt versuchten sie, das völlig verängstigte Kind zu bändigen. Daniela hielt mit beiden Händen seine Ärmchen fest, und die Mutter presste die Knie des Kindes auf den Sitz, während Fred sich bemühte, ihm einen Umhang überzuwerfen.
„Sieh mal, der liebe Teddybär auf dem Umhang!“, versuchte er das Mädchen abzulenken, aber das Kind ließ sich nicht beeindrucken.
„Jetzt fahren wir dich nach oben, sieh mal, das macht Spaß!“, versuchte Fred es erneut, aber wieder ohne Erfolg.
Da verlor die Mutter vollends die Beherrschung. Sie holte weit aus. Zweimal hörte man ein heftiges, klatschendes Geräusch. Für einen Augenblick war es ganz still im Raum. Dann schrie das Kind gellend auf und fing danach leise zu weinen an. Es strampelte jetzt nicht mehr, sondern saß stocksteif da. Die Mutter schien zufrieden.
Unwillkürlich atmete Daniela auf. Fred musste zugeben, dass auch er erleichtert war. Vorsichtig kämmte er dem verstörten Kind die dünnen blonden Löckchen durch. Vorsicht, Vorsicht! Es durfte nur ja nicht ziepen! Immer noch kullerten unablässig Tränen die Wangen des kleinen Mädchens hinunter.
„So, und jetzt schneiden wir dir die Haare!“, sagte Fred und schnippte mit der Schere in die Luft.
Entsetzt riss das Kind die Augen auf und verfolgte angstvoll Freds Bewegungen im Spiegel. Als er die erste kleine Haarsträhne in die Hand nahm, fing das Mädchen so stark an zu zittern, dass Fred die Schere erst einmal wieder weglegte und sich neben den Stuhl hockte.
„Lena, warum hast du nur solche Angst?“, fragte er leise.
Das Kind sah sich nach seiner Mutter um, die in der Wartezone in einer Zeitschrift blätterte. Dann flüsterte es Fred ins Ohr: „Wenn man etwas abschneidet, tut es doch weh!“
„Wie kommst du denn darauf?“, fragte Fred.
„Wenn der Schneider den Daumen abschneidet, wie im Struwwelpeter, wenn ich lutsche“, wisperte das Kind, „oder wenn du mir die Nase abschneidest, weil ich nicht leise bin.“
„Hat das deine Mutter gesagt?“
Das kleine Mädchen nickte. Fred dachte kurz nach.
„Aber sicher hat sie dir doch auch schon mal die Nägel geschnitten, oder nicht?“, fragte er dann.
Das Kind nickte wieder.
„Und? Hat das weh getan?“
Lena schüttelte den Kopf.
„Na, siehst du. Genauso wenig tut es weh, wenn ich dir die Haare schneide.“
„Ist das auch ganz bestimmt wahr?“
„Ganz bestimmt! Ich verspreche es dir. Schau mal her!“
Fred hob eine seiner braunen Locken hoch und schnitt sie sich ab. Das Kind beobachtete ihn genau.
„Glaubst du, dass mir das wehgetan hat?“
Zögernd schüttelte das Kind den Kopf.
„Na siehst du! Und darf ich dir jetzt auch mal ein Löckchen abschneiden?“
„Nur eins?“
…
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Verfasst von Ronald
19. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Meine Friseurin
© M. H. Heyen
Habe ich Ihnen je von meiner Friseurin erzählt? Bestimmt habe ich das, denn es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Ich gebe es zu, ich bin noch immer ein klein wenig verliebt in sie. Allerdings frage ich mich manchmal, ob ich mich auch in sie verliebt hätte, wenn sie keine Friseurin, sondern Bankangestellte, Lehrerin oder sonst irgendwas wäre. Ich glaube, ein Teil des Zaubers, der von ihr ausgeht, ist begründet in der Tätigkeit, der sie nachgeht. Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können, aber – auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen oder Sie zu langweilen – ich will versuchen, es Ihnen zu erklären.
Alle drei bis vier Wochen gehe ich zu meinem Friseur, einem relativ jungem Salon, nicht weit von meiner Wohnung. Außer dem Chef, der von manchen Kunden spaßhaft Maestro genannt wird, halten sich in dem Friseursalon meist drei bis vier Friseurinnen und eine Auszubildende auf, die mir immer irgendwie leid tut, weil man sie außer Haare zusammenfegen und auf Nachfrage Kaffe bringen, kaum etwas machen lässt.
Wenn ich meinen Friseurladen durch die hell beglockte Tür betrete, erscheine ich nie aufgrund eines vorher vereinbarten Termins, sondern immer unangemeldet. Ich warte dann artig hinter dem kleinen Tresen im Eingangsbereich und versuche unbeteiligt zu wirken, bis eine der Friseurinnen oder der Maestro sich meiner annimmt und mir melodiös und einladend einen Guten Tag wünscht. Dann folgt immer derselbe Dialog:
„Ich würde mir gerne die Haare schneiden lassen.“ (Fairerweise könnte ich in diesem Moment schon angeben, dass ich keinen Termin habe, aber das mache ich nicht.)
„Haben Sie einen Termin?“
„Nein, bedaure, aber vielleicht können Sie mich ja irgendwie dazwischen schieben.“
Auf diesen Satz folgt ein Phänomen, das ich mir bis heute nicht erklären kann: Die Friseurin oder der Maestro blicken in das DIN A 4 große Terminbuch, das immer aufgeschlagen hinter dem kleinen Tresen liegt. Dieses Buch ist in Zeilen und Spalten eingeteilt, pro Tag eine Doppelseite. Die Spalten sind den Friseurinnen und dem Maestro zugeordnet, die Zeilen, wie bei einem Stundenplan, der Zeit. In den Überschneidungen von Spalten und Zeilen werden mit Bleistift die Namen der Kunden eingetragen. Jedes Mal wenn ich nun frage, ob ich irgendwie dazwischen geschoben werden könnte, wird ein- oder zweimal nach vorne um- und wieder zurückgeblättert. Wieso, weiß ich nicht, denn um zu prüfen, ob im Moment oder wenigstens möglichst bald ein wenig Zeit ist, um meinem Anliegen nachzukommen, sind die kommenden Tage doch vollkommen ohne Belang.
Wie dem auch sei, meist habe ich Glück und man weist mir einen der Warteplätze unter dem Hinweis zu, dass es durchaus zwanzig Minuten dauern könne.
„Das macht gar nichts“, sage ich dann, „ich habe es nicht eilig.“
Und eilig habe ich es wirklich nicht. Ich könnte stundenlang dasitzen und mich umsehen und zuschauen, ihr zuschauen, meiner Friseurin, die es mir nicht übel nehmen wird, dass ich sie „meine“ Friseurin nenne.
Die Warteplätze werden durch eine Reihe von Stühlen gebildet, die sich im Rücken der Frisierplätze befindet. Wer dort sitzt, dem werden die entscheidenden Vorteile eines Friseursalons – gegenüber einer Zahnarztpraxis beispielsweise – schnell bewusst. Jede Verrichtung am Kunden, jede Dienstleistung, jedes gesprochene Wort findet nicht etwa hinter geschlossenen Türen statt, sondern es passiert alles offen in einem Raum, der zudem durch die zahlreichen Spiegel unendlich viele Blickwinkel und Ansichten erlaubt.
Kaum sitze ich dort, beobachte ich zunächst den Maestro, denn ich weiß genau, was jetzt passiert und will es mir nicht entgehen lassen: Er sucht über einen Spiegel den Blickkontakt zur Auszubildenden ohne dabei das Schnappen seiner Schere über dem Kopf eines Kunden zu unterbrechen und weist mit einer kleinsten Bewegung seiner Augen auf mich. Die Auszubildende hat das schon erwartet, weiß, was das zu bedeuten hat und tritt an mich heran.
„Möchten Sie eine Tasse Tee oder Kaffee?“
Ich tue jedes Mal überrascht von so viel Freundlichkeit und Kundenservice und sage: „Oh, eine Tasse Kaffee würde ich sehr gerne trinken.“
Um der Auszubildenden nicht jede Möglichkeit eines Dialoges zu nehmen, vermeide ich es hinzuzufügen, wie ich meinen Kaffee trinke. Denn, wie gesagt, sie tut mir ein wenig leid und ich möchte sie unterstützen und fördern, wo ich nur kann.
„Milch und Zucker?“, fragt sie.
„Nur Milch“, sage ich und: „Dankeschön.“
Daraufhin verschwindet die Auszubildende. Sie trägt eine Brille, hat altersbedingte Pickel und wirkt in allem, was sie tut, ein wenig ungelenk. Ihre Zeit wird noch kommen, da bin ich sicher. Einen Moment später stellt sie mir den Kaffee hin.
„Das ist sehr nett von Ihnen“, sage ich.
Sie lächelt und greift wieder zum Gummi-benoppten Besen und fegt Haare zusammen.
Da ich mir nie einen Termin geben lasse, habe ich auch nie die Gewissheit, von meiner Friseurin bedient zu werden. Ich habe mir angewöhnt, das als Schicksalsentscheidung hinzunehmen, ob sie mir die Haare schneidet oder nicht. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich mir selber versichere, dass wenn sie mir heute die Haare schneidet, ich mit ihr nächste Woche im Bett liege. Das ist natürlich Unsinn, aber wen kümmert das schon.
Und selbst wenn mir meine Friseurin nicht die Haare schneidet, es reicht mir schon, sie zu beobachten, ihr zuzuschauen, wie sie einen anderen Kunden bedient. Ich kann das ohne Neid und Eifersucht tun, denn in meinem stillen Verhältnis zu ihr, von dem nur ich alleine weiß, habe ich auf jede Form von Verpflichtungen und Erwartungen verzichtet.
So auf dem Warteplatz sitzend fällt mir eines immer wieder auf, wenn ich meine Friseurin beobachte. Sie ist keineswegs das, was man eine makellos hübsche Frau nennt. Und doch hat sie etwas an sich, in ihrem Umgang mit Kunden, auch mit mir, in ihrer Bewegung, das mich tief berührt.
…
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Verfasst von Ronald
19. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Mittagspause
© Petra Buchwald
Die Pistolenmündung zeigte genau auf ihr Gesicht. Evchen stand wie erstarrt. Ihre Hände umklammerten den Besen. Sie starrte auf die Haarberge zu ihren Füßen. Ein irrwitziger Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Frau Bergemann würde schimpfen, wenn sie den Salon nach ihrer Rückkehr aus der Mittagspause nicht sauber vorfand. Wenigstens wollte sie sehen, wer ihr den Tod brachte.
Es waren kalte blaue Augen unter grauer Uniformmütze. Vor ihr stand ein russischer Soldat. Den zweiten Russen nahm sie nur als Schatten aus den Augenwinkeln wahr. Seit gestern war die Welt verrückt. Genau hinter der Hausmauer, dort wo sie freitags noch zur Arbeit gegangen war, hatte sie heute eine Sperre aufgehalten. Die gleichen Maschinengewehre, die gleichen unfreundlichen russischen Worte, von denen sie nur ein einziges verstand: Dwai. So war nicht nur die Welt um sie herum verrückt geworden. Auch ihre eigene war nicht mehr wie sie einmal war. „Dimitri“, der ältere der beiden, schien zugleich der Ranghöhere zu sein. In gebrochenem Deutsch wurde sie gefragt, ob Otto Bloch hier durchgelaufen sei. Nun konnte sie nur mehr den Kopf schütteln. „Männer führt euren Krieg alleine. Sperrt Berlin ab, aber verbaut mir nicht die Wege, auf denen ich laufe. Und kommt um Himmels willen nicht durch die Fenster, die ich zum Lüften öffne.“ Leise Wut stieg in ihr auf. Draußen bellte ein Hund. Immer noch starrte sie in die Pistole. Die beiden Soldaten schienen zu beraten. Evchen nutzte die Gunst der Stunde. Zu jedem Hund gehört auch ein Herrchen. Laut begann sie zu schreien.
Plötzlich brannte ihre Wange. Erschreckt blickte sie den Russen an. „Du weißt was!“ Sein Gesicht war dem ihren so nahe, dass sie seinen Atem riechen konnte. Er war jung, nicht viel älter als sie. Und doch lag in seinen grünen Augen eine Härte, die ihr gänzlich fremd war. Während sich die beiden Männer in ihrer Muttersprache unterhielten, wurde Evchen auf einen Frisierstuhl gedrückt. Mit der Rechten zog der junge, Dimitri, an dem Kabel zu einer Trockenhaube. Jetzt kam die Panik. Evchen versuchte mit aller Macht dagegen anzukämpfen. Sie versuchte sich zu erinnern, was ihre Mutter über die Zeit in den Luftschutzkellern erzählt hatte: „Such dir einen schönen Gedanken!“
Karl! – Während ihre Arme und Beine gegen den Stuhl gedrückt wurden, rief sie sich das Bild ihres Freundes ins Gedächtnis. Schlanke Statur, schwarze Haare, helle Augen. Er war stets korrekt, immer höflich und freundlich. An den Sonntagnachmittagen fuhren sie hinaus an den Wannsee. Ihre liebsten Orte waren jene, wo niemand sie beobachten konnte, dort wo sie beinahe alleine waren. Abends besuchten sie manchmal das Kino, oder sie saßen in ihrem Zimmer.
Was taten ihre Hände da? Sie schienen ein Eigenleben entwickelt zu haben. Das Kabel ließ sich dehnen. Schon waren ihre Hände befreit. Ohne sich zu bewegen, immer die Soldaten im Auge, versuchte Evchen den Schalter für das Außenlicht zu ertasten. Morsezeichen! Jedes Kind kann morsen. Dreimal kurz, dreimal lang, dann wieder dreimal kurz, das internationale Zeichen für SOS. Vielleicht wurden diese Signale von einem Passanten bemerkt.
Worüber die beiden Russen stritten, konnte sie nicht verstehen. Den Blick des älteren jedoch verstand sie nur zu gut. Er blickte nach draußen, zählte die Lichtsignale. Wie international waren die Morsezeichen?
Plötzlich fühlte sie, wie sie gepackt wurde. Ihr Bauch drückte gegen seinen Bauch. Sie spürte etwas anderes. Er war ein Mann. Weshalb seine Stimme so heiser klang, wusste sie nur zu gut. Ihr Herz drohte zu zerspringen. Der jüngere jedoch schien nicht einverstanden mit dem, was der ältere vorhatte. Ein schneller Satz, ein Einwand Dimitris.
Plötzlich lag eine Pistole in der Hand des älteren, ein amerikanisches Modell welches an ihre Schläfen gedrückt wurde. Ihr Herz schlug. Sie werden sich wundern, weshalb Karl nicht bei ihrer Beerdigung ist. Vielleicht werden sie erkennen, dass sie Karl nur erfunden hat, um den beiden älteren Lehrmädchen zu imponieren. Den beiden, die jedes Wochenende ausgingen und dann von ihren Männergeschichten erzählten.
Aber weshalb beschäftigte sie sich noch damit? Wenn die beiden dahinter kamen, dass sie gelogen hatte, war sie längst tot.
Der grünäugige junge lockerte den Gewehrriemen. „Njet!“ Aber der ältere war ihm überlegen. Sein Maschinengewehr schien aus eigener Kraft von seinem Rücken in seine Hand gesprungen zu sein. Und dann schlug er zu. Sie hörte die Schreie des jungen und wunderte sich, dass niemand sie hörte. Sie sah, wie er in die Knie ging, wie sein Gewehr zu Boden fiel. Und dann, als der ältere abgelenkt war, rutschte eine Pistole vor ihre Füße. Überrascht sah sie auf. Ihre Blicke kreuzten sich. Und dann hob Evchen die Pistole hoch und drückte ab.
Schoss so lange bis der ältere Russe am Boden lag und nicht einmal mehr zuckte. Erst dann ließ sie die Pistole fallen und hob den Blick. Dimitri stand bereits. Ein Erlebnis wie dieses verbindet. Sie lächelte. Doch seine Augen waren kalt. In seinen Händen hielt er eine Waffe.
„Nein, das ist ja jetzt wohl nicht wahr!“
„Was soll ich tun? Wenn ich dich am Leben lasse, bringen sie mich um.“
Die Mittagspause war vorüber. Frau Bergemann steckte den Schlüssel in das Türschloss. Evchen war immer so gewissenhaft. Stets schloss sie ab, was auch notwendig war in Zeiten wie diesen.
Drinnen war alles ruhig. Der Salon glänzte vor Sauberkeit. Die Kunden konnten kommen. Wenn denn einer kam an einem Tag, an dem die Welt vermauert wurde im wahrsten Sinne des Wortes.
„Evchen“, rief sie.
„Frau Bergemann!“ Ihr blonder Kopf tauchte hinter einem der Waschbecken auf. Sie strahlte. „Frau Bergemann, das ist mein Karl.“
Nachdem ihre Überraschung gewichen war, fragte diese: „Und was machen Sie da?“
…
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Verfasst von Ronald
19. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Schön
© Janina Diamanti
„Sind das nicht schöne Bilder?“
Strahlend dreht sie sich um und hält ihrer Friseuse einen Stapel glänzender Fotos hin, balanciert sie vorsichtig auf der frisch manikürten Hand. Ihr Lächeln ist nur in den sorgfältig geschminkten Augen zu sehen, der Mund ist kaum verzogen – zu schnell entstehen Falten, wenn man älter wird.
Die Friseuse erwidert den freundlichen Blick, greift nach den Fotos und erschaudert, als sie den Kontrast sieht, der sich ihr bietet. Kopfschüttelnd sieht sie sich langsam ein Bild nach dem anderen an und fragt sich, was aus dem jungen, hübschen Mädchen, das man so offen auf den Bildern lächeln sieht, geworden ist, wo die Verbindung besteht zu dem Gesicht, das ihr aus dem Spiegel erwartungsvoll entgegen sieht.
„Gefallen Ihnen die Bilder nicht?“, fragt ihre Kundin und Nervosität schwingt in ihrer Stimme mit.
„Doch, doch, natürlich“, versichert sie schnell, zu schnell, und legt die Bilder hastig auf den Tisch zurück. „Sie waren wirklich ein wunderschönes Mädchen.“
Ein kleines, unechtes Lachen hallt durch den Salon. „Ja, das war ich. Ich war auch schon einmal Heidekönigin, wussten Sie das?“
Sie schüttelt den Kopf, greift nach einer Spange und steckt die dünnen Haare auf, vorsichtig, darauf bedacht, nicht zu sehr zu ziehen, keine Haare auszureißen. Helle, graue Strähnen rinnen ihr durch die Finger und sie überlegt, mit welcher Farbe man diese am besten abdecken könnte.
„Ich war das hübscheste Mädchen der ganzen Stadt“, plappert ihre Kundin weiter, den Blick fest auf ihr perfekt geschminktes Spiegelbild geheftet, hinter dem sich die Friseuse seltsam jung fühlt. „Es gab keinen Jungen, der mich nicht schön fand. Vor allem meine Haare – sie sind doch noch immer schön, nicht?“
Erschrocken über diese Frage lässt sie ein paar der vorher so sorgfältig zusammengekämmten Strähnen fallen, versucht krampfhaft, ihr freundliches Lächeln aufrecht zu erhalten. „Ja“, sagt sie, während sie sorgsam mit dem Kamm um eine kahl gewordene Stelle herumfährt, „Sie sind noch immer sehr schön.“
Ein zufriedenes, vorsichtiges Lächeln sieht ihr aus dem Spiegel entgegen.
„Meine Haare waren schon immer mein ganzer Stolz. Vor allem mein…“, sie stockt einen Moment, doch sie fängt sich schnell wieder. Professionell, befindet die Friseuse und kommt nicht umhin, Mitleid mit dieser Frau zu haben. „Vor allem mein Exmann hat sie sehr geliebt“, fährt ihre Kundin fort, den Blick etwas glasiger, doch gefasst.
Eine unangenehme Stille tritt nach dieser Feststellung ein und einen Moment lang ist nur das leise Geräusch der Schere zu hören, die rücksichtslos eine kaputte Spitze nach der anderen abtrennt. Von der anderen Seite des Salons ist ein Lachen zu hören und ein Föhn wird angestellt, summt leise. Das Telefon klingelt und sie will gehen und es abnehmen, doch ihre Chefin kommt ihr zuvor, zwinkert ihr freundlich zu.
„Ich bin doch noch immer schön, oder?“, bricht schließlich die inzwischen leise und auf einmal zerbrechlich wirkende Stimme der Kundin die Stille.
Sie zögert nicht, sondern nickt dem Spiegelbild, das auf einmal wie zusammengefallen wirkt, bekräftigend zu.
„Ja, Sie sind noch immer schön.“
Das wiederkehrende Lächeln im Spiegel hält sie davon ab, sich für diese Lüge zu schämen.
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Verfasst von Ronald
19. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Abenteuer im Frisiersalon
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5
Über dieses Buch
Vorwort des Herausgebers
Die Entstehung dieses Buches ist recht ungewöhnlich. Am 20. Juni 2003 hatte ich auf einer Bahnfahrt ganz spontan eine Idee: Ich könnte doch im Internet eine Seite anbieten, auf der Leute die Möglichkeit haben, Kurzgeschichten online zu veröffentlichen. Wenige Tage später war die Website www.online-roman.de ins Leben gerufen.
Anfang August wurde auf dieser Website ein Kurzgeschichtenwettbewerb ausgeschrieben. Das Thema lautete: „Im Frisiersalon“. Die Wahl dieses Themas war nicht zufällig. In meiner beruflichen Tätigkeit als Psychologe habe ich mich intensiv mit den Themen „Physische Attraktivität“ und „Gesichterbeurteilung“ beschäftigt. Dabei bin ich fast zwangsläufig auch auf die immense Bedeutung des Haares gestoßen.
Das Haar hat einen entscheidenden Einfluss auf unser äußeres Erscheinungsbild. Es bietet Informationen über biologisch-medizinische Merkmale wie Geschlecht, Alter, Rasse, Gesundheit, aber auch Informationen über soziale Gruppenzugehörigkeiten, Rang und Status. Darüber hinaus ist das Haar ein wichtiges Kennzeichen unserer einzigartigen individuellen Persönlichkeit. Somit ist es nicht verwunderlich, dass das Haar zu allen Zeiten und in allen Kulturen eine bedeutsame Rolle gespielt hat.
Da das Kopfhaar im Durchschnitt etwa einen Zentimeter pro Monat wächst, muss es in regelmäßigen Abständen „gewartet“ werden. Diese wichtige Aufgabe wird häufig in die Hände von Spezialisten gelegt, und so gehört das Friseurhandwerk zu den ältesten Gewerben. Die Dienstleistung der Friseure erstreckt sich nicht alleine auf den Bereich der Körperpflege. Seit jeher ist der Ort, an dem die Haare geschnitten werden, auch ein Ort der Kommunikation. Dies gilt auch für die Friseursalons unserer Tage.
Weil nahezu jeder Mensch im Laufe seines Lebens Dutzende Male zum Frisör geht – mal mehr, mal weniger gern –, hat eigentlich jeder etwas zum Thema „Im Frisiersalon“ zu berichten.
Der Wettbewerb hat ein erfreuliches Echo gefunden, und die Beiträge waren von einem sehr hohen Niveau. Meine Begeisterung war so groß, dass ich mich kurzerhand entschlossen habe, einen Verlag zu gründen und wenigstens einen Teil der Geschichten in einem Buch zu veröffentlichen.
Für diesen Band habe ich 21 Kurzgeschichten ausgewählt. Es ist eine bunte Mischung aus unterschiedlichen Themen und Stilen. Mal ernst, mal heiter, nachdenklich, spannend, unterhaltsam, kritisch, sentimental, humorvoll, skurril, phantastisch… Liebesgeschichte, Humor, Krimi, Alltag, Kindergeschichte, Action, Phantastik…
Ebenso facettenreich wie die Geschichten ist die Zusammensetzung der Autorengruppe. Neben 17 Autoren aus Deutschland – von Schleswig-Holstein bis Bayern, vom Saarland bis Sachsen – sind auch 4 Autorinnen aus Österreich vertreten. Die Spannbreite des Alters reicht von 14 bis 53 Jahren. Einige haben bereits mehrere Veröffentlichungen vorzuweisen, andere sind mehr oder weniger lange als Hobby-Schriftsteller tätig.
Wir alle wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen!
An dieser Stelle möchte ich auch noch einen besonderen Dank aussprechen. Er gilt dem Frisiersalon Schillo, Dudweiler, der die Preisgelder für den Wettbewerb gestiftet hat.
Ronald Henss Saarbrücken, im Januar 2004
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Verfasst von Ronald
19. Januar 2011

Abenteuer im Frisiersalon
Haare – Frisur – Friseur – Haargeschichten – Friseurgeschichten
Abenteuer im Frisiersalon
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5
Dieses Buch enthält eine Auswahl der besten Beiträge zum Kurzgeschichenwettbewerb Abenteuer im Frisiersalon.
21 Autoren aus Deutschland und Österreich präsentieren eine bunte Mischung rund um das Thema Haare, Frisur, Friseur, Glatze, Haarfarben, Blond, Frisiersalon …
Mal ernst, mal heiter, nachdenklich, spannend, unterhaltsam, sentimental, skurril, phantastisch …
Ein Buch für alle, die Haare haben oder auch keine. Für alle, die sich mehr oder andere Haare wünschen. Ein Buch für alle, die mit ihrem Haar hadern und für alle, die mit ihrem Haar zufrieden sind.
Das Buch
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Verfasst von Ronald